Julia Leibninger arbeitet in einer deutschen Jugendherberge. Wir haben mit ihr über die dortigen Arbeitsbedingungen gesprochen. 

Du hast in einer großen deutschen Jugendherberge gearbeitet. Wie sieht es heutzutage in deutschen Jugendherbergen aus?

Das ist nicht so einfach zu sagen. Es gibt verschiedene Jugendherbergen. Es gibt viele kleinere, für die ich nicht sprechen kann. Ich habe mit einer besonders großen Einrichtung des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) Erfahrungen gemacht. Diese gehört zum Landesverband Baden-Württemberg. Es bestehen viele Illusionen über solche Herbergen mit ungefähr 300 Betten.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es praktisch keinen Unterschied zu Hotels im Privatsektor gibt: Es wird nur minimal Personal eingestellt, besonders in der schwachen Saison, um Löhne einzusparen. Sie sparen überall, wo es nur geht. Sie bauen viel Druck auf. Der Lohn ist zwar besser als in der Privathotellerie, aber auf jeden Fall unterm Landestarif. Der Dienstplan verändert sich oft. Es gibt keine Sonntags-, Feiertags- oder Nachtzuschläge. Für uns MitarbeiterInnen ist es nicht anders als in einem privaten Betrieb zu arbeiten.

Wirklich krass ist, wie die „Bufdis“ vom Bundesfreiwilligendienst ausgenutzt werden. Das wird verkauft als Gelegenheit für junge Leute, etwas Spannendes und Neues auszuprobieren, wo man mit anderen Jugendlichen zusammenkommt. Aber die Realität ist eine ganz andere. Die Bufdis werden einfach als extrem billige Arbeitskräfte ausgenutzt, die unterm gesetzlichen Mindestlohn die ganze Drecksarbeit machen müssen.

Gibt es außer den Bundesfreiwilligen noch andere ArbeiterInnen dort?

Natürlich gibt es viele Leute, die nur in Teilzeit arbeiten, auch ausgebildete Küchenkräfte in Vollzeit oder Leute am Tresen. Aber niemand hat eine schlechtere Position als die „Bufdis“. Sie sind dafür da, all das zu übernehmen, was von den wenigen ausgebildeten Kräften nicht mehr erledigt werden kann, weil es so wenige sind. Dafür, dass sie Klos putzen, Geschirr spülen, Müll wegwerfen, bekommen sie nur wenige hundert Euro.

Viele „Bufdis“ kommen von außerhalb der EU, aus armen Ländern und Konfliktgebieten, z.B. aus der Ukraine, aus Tadschikistan, aus Ländern im Osten. Sie wollen erste Erfahrungen in Deutschland machen, ihr Deutsch verbessern. Erst mit dem „Bufdi“-Vertrag bekommen sie ihr Visum für Deutschland. Aber wenn sie hier ankommen und mit der Arbeit anfangen, merken sie, dass es gar nicht so ist wie versprochen. Aber dann sind sie hier bereits gefangen. Denn wenn sie kündigen, sind sie illegal hier. Und das ist kein Zufall. Das wird gezielt von der Leitung ausgenutzt. So gab es einen ausländischen Bufdi, der sich gewehrt hat. Der schwäbische Chef hat sofort damit gedroht, dass man ihm kündigen und ihn in sein Heimatland ausweisen würde. Sowas habe ich selbst beobachtet.

Wie behandeln die Chefs euch ArbeiterInnen?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass sie nicht viel leisten, aber mehr verdienen als die am besten bezahlten ArbeiterInnen. Eine dieser Personen aus der Leitung verdient über 5.000 Euro monatlich. Die Chefs und ihre Oberchefs sind ältere Leute, die sich gut kennen und die fast ohne Arbeit ein gutes Leben führen können. Die haben aber ein wirklich krasses Misstrauen in uns ArbeiterInnen, kontrollieren uns ständig, schnüffeln überall rum. Unser schwäbischer Chef hatte z.B. ein Alkoholproblem, das er selbst nicht kontrollieren kann.

Woher kommen diese Bedingungen?

Das Deutsche Jugendherbergswerk ist dreistufig: Es gibt die Herberge vor Ort, den Landesverband und den Dachverband. Vor Ort haben die „Jugendherbergseltern“ die Macht. Das ist meist ein älteres Pärchen oder eine Familie. Auch wohnen sie dort selbst wie Hausmeister. Aber die echte Macht ist auf der Ebene des Bundeslandes. Jedes Land ist da eigenständig. Und die Bosse auf dieser Ebene sind verbunden mit den Chefs vor Ort. Der Dachverband kontrolliert die Landesverbände nicht wirklich. In Baden-Württemberg können sie vor Ort praktisch alles machen, was sie wollen, weil sie mit den Landeschefs befreundet sind. Das ist eine Clique von Leuten, die das gemeinsame Interesse haben, sich die Taschen voll zu machen.

Ist die „Gemeinnützigkeit“ also nur ein oberflächliches Image?

Ich denke ja. Im Deutschen Jugendherbergswerk gibt es zwar viele kleine Herbergen, die ohne den Dachverband vielleicht nicht bestehen könnten. Aber der Kern, die großen Herbergen, die das große Geld einbringen, stellen nur ein Geschäft dar. Die sind nicht anders als „Holiday Inn“ oder „Best Western“.

Natürlich gibt es das Bild, dass die Herbergen günstige Möglichkeiten sind für Jugendliche oder Familien, ein paar Tage irgendwo zu übernachten. Aber die „Gemeinnützigkeit“ ist meiner Meinung nach Marketing, um zu rechtfertigen, dass eine Clique von Leuten ungefähr drei Millionen Euro an Steuergeldern als Subvention bekommt. Das Argument, dass die Jugendherbergen günstiger sind, ist auch eine Lüge. Eine Nacht kostet über 50 Euro, in einem Budget-Hotel kann man solche Preise auch finden.

Aber haben die Herbergen nicht andere Angebote als private Hotels?

Früher gab es in den Herbergen große offene Räume, in denen Familien und Jugendliche zusammen kamen. Diese werden immer mehr abgeschafft und an irgendwelche Konzerne als Tagungsräume vermietet. Genauso mit dem Essen. Wären sie wirklich gemeinnützig, dann müssten sie besseres Essen anbieten, aber es werden die billigsten Zutaten benutzt.

Wie könnte man das ändern?

Viele Leute sagen, dass die Herbergen ohne die Subventionen keine günstigen Räume mehr anbieten könnten. Aber viele private Hostels sind jetzt schon günstiger als die subventionierten Jugendherbergen. Die Subventionen sichern also keine günstigen Preise. Der Staat finanziert damit Vetternwirtschaft. Diese darf nicht unterstützt werden, vor allem nicht mit Steuergeldern. Die machen auch so schon unglaublich viel Geld. Das auch noch zu subventionieren, ist krank.