Man mag es kaum glauben, doch das kleine Land mit gerade einmal zwei Millionen EinwohnerInnen beherbergt die meisten „Nichtbürger“ weltweit. Die Statistik besagt, dass im Jahr 2018 circa 270.000 Menschen diesen Status innehatten. Das sind rund 11% der Gesamtbevölkerung.

Ein Rückblick auf die Geschichte zeigt, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 nicht automatisch alle Menschen, die in Lettland lebten, auch die lettische Staatsbürgerschaft erhielten. So müssen bis heute Sprach-, Politik- und Geschichtstests absolviert werden, um den Status zu erhalten. Ohne diese Tests bekommt man bis heute nur einen sogenannten „Ausländerpass“ (alien’s passport). Damit werden den Betroffenen zentrale bürgerliche Rechte vorenthalten. Ähnliche Verfahren gibt es auch in den anderen baltischen Ländern.

Der Integration und gesellschaftlichen Teilhabe werden so massiv Steine in den Weg gelegt. Somit schafft sich Lettland ein zusätzliches Problem: die „Russen wollen ja kein lettisch lernen“ und andere meinen, dass sie kein lettisch lernen wollen, weil sie ja gezwungen werden, eine andere Sprache zu lernen. Diese gesellschaftliche Spaltung reicht sogar bis zur historischen Aufarbeitung hin.

In Riga findet jährlich vor dem Freiheitsdenkmal ein Marsch zum Gedenken an die faschistische SS statt, und um den 8. Mai herum werden in den Plattenbauvierteln Lettlands die Autos mit „T-34“-Stickern (Panzer der Sowjetunion im zweiten Weltkrieg) beklebt.

Die lettische Regierung will nun gegensteuern: alle Kinder, die ab dem 1.1.2020 geboren werden, sollen automatisch die lettische Staatsbürgerschaft erhalten, soweit die Eltern nicht eine andere Staatsbürgerschaft besitzen und diese bevorzugen. Inwieweit das den tiefen Keil in der Gesellschaft lockern hilft, kann man nicht voraussagen.