Die Geschichte schreiben in der Regel Männer über Männer. Als angehender Historiker habe ich die Aufgabe, das zu ändern: Bis zum Frauenkampftag am 8. März möchte ich meinen wöchentlichen Beitrag auf Perspektive Online dazu nutzen. Die geschilderten Frauen sind durch ihr Lebenswerk in die Geschichte eingegangen, werden im historischen Gedächtnis aber gern vergessen, verschwiegen oder ihre Taten klein geredet. – „Frauen der Weltgeschichte“, eine Serie von Felix Thal

Da bis heute Geschichte hauptsächlich von Männern für Männer geschrieben wird und Frauen oft nur eine Nebenrolle zugesprochen wird, entstehen blinde Flecken in der Geschichte.

Über die Befreiung von Menschen aus der Sklaverei durch Harriet Tubman, zum Kampf für das Frauenwahlrecht in England durch die Feministinnen Millicent Fawcett und Emmeline Pankhurst bis hin zu den Sozialistinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg – diese kleine Serie möchte Frauen vorstellen, die sich zu Lebzeiten für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft eingesetzt haben.

Eine der zentralen Forderungen der Frauenbewegungen über viele Ländergrenzen hinweg war das allgemeine Wahlrecht für Frauen. In Großbritannien arbeitete die Feministin Millicent Fawcett (1847-1929) hart daran, dieses Recht durchzusetzen. 1897 gründete sie die „National Union of Women´s Suffrage Societies“, die sich entgegen dem damaligen Zeitgeist für eine Stärkung der politischen Gleichstellung von Frauen einsetzte. Gehört wurden sie hingegen nicht. Die britischen Politiker hielten das Frauenwahlrecht für ein unwichtiges Thema, da man behauptete, Frauen seien von Natur aus nicht für die Politik geeignet. Die Forderung der Society wurde fortwährend zurückgewiesen und die Abhängigkeit vom Mann politisch aufrechterhalten.

Ab dem Jahr 1903 ließen die bürgerlichen Feministinnen Taten statt Worte folgen – „deeds not words“: Die Hausfrau Emmeline Pankhurst (1858-1928) setzte auf militantere Methoden, um den Frauen Gehör zu verschaffen. Sie gründete die nur für Frauen offen stehende Organisation „Women´s Social and Political Union“, deren Mitglieder als „Suffragetten“ bekannt werden sollten. Die Töchter von Pankhurst – Sylvia, Christabel und Adela – schlossen sich ebenfalls der Organisation an. Vor allem radikale Frauen aus der Oberklasse, die Zeit und Energie für die politische Arbeit aufbringen konnten, beteiligten sich an den Aktionen, aber auch Arbeiterinnen, Lehrerinnen oder Krankenschwestern waren beteiligt. Zu ihren Aktionen zählten Brand- und Bombenanschläge, sie ketteten sich an Geländer, steckten Briefkästen in Brand oder warfen Schaufenster mit Steinen ein. Für die damalige Männerwelt war es unbegreiflich, dass Frauen hinter diesen Attacken stecken könnten.

Damit keine Menschenleben gefährdet werden würden, galten die Brandanschläge nur leerstehenden Gebäuden. Trotzdem distanzierten sich viele Frauen von den Taten ihrer Mitstreiterinnen, darunter auch Millicent Fawcett, da sie der Meinung waren, Einsicht durch die Männer könne nur durch Gewaltlosigkeit erfolgen. Aber auch diese Distanzierung bewahrte sie nicht davor, mehrfach ins Gefängnis gehen zu müssen. Dort wurden sie geschlagen und misshandelt und traten gegen diese Zustände in den Hungerstreik. Zwangsernährung, Lungenentzündungen und andere Krankheiten waren die Folgen. Die Frauen mit dem schlechtesten Gesundheitszustand wurden entlassen und wenn sie sich erholt hatten, erneut von der Polizei verhaftet.

Vor allem Orte, die nur Männern zur Verfügung standen, waren lohnende Ziele der Suffragetten. Während der Golfsaison 1913 wurden politische Parolen in den Rasen gemäht. Zu den berühmtesten Aktionen zählen die Sprengung des Landhauses von David Lloyd George, dem späteren Premierminister, und die Unterbrechung des „Epsom Derby“ im Juni 1913. Dabei warf sich die Suffragette Emily Wildings Davison vor das Pferd von König Georg V. und starb an ihren Verletzungen.

Während des Ersten Weltkriegs wurden die Proteste ausgesetzt. Viele Suffragetten meldeten sich freiwillig zum Dienst auf den Schlachtfeldern Westeuropas und dienten z.B. als Sanitäterinnen. Alle Feministinnen, die aus politischen Gründen in Haft saßen, wurden auf Grund des Männermangels freigelassen und übernahmen die freigewordenen Berufe.

Nach dem Krieg im Jahre 1918 wurde das Frauenwahlrecht neu verhandelt. Die politische Männerwelt musste einsehen, dass die Ablehnung nicht mehr zeitgemäß und ein weiterer Aufstand der Suffragetten nicht aufzuhalten war. Britische Frauen ab 30 Jahren erhielten 1918 das erste allgemeine Wahlrecht. Männer durften bereits ab 21 Jahren zur Wahlurne, Frauen hingegen seien in diesem Alter noch zu verträumt.

Wenige Monate bevor Emmeline Pankhurst 1928 verstarb, wurde das allgemeine Frauenwahlrecht in Großbritannien auch für Frauen auf 21 Jahre abgesenkt.

In Teil 5 der Serie „Frauen der Weltgeschichte“ wird es um die Iranerin Tahiri gehen.