Welche Zukunft hat die „Fridays for Future“- Bewegung? Damit sie sich weiter entwickeln kann, muss sie sich in vielen Punkten stark verändern. – Sergio Maletti kommentiert die aktuellen Debatten und Entwicklungen der weltweiten Klima-Initiative.

Dass Greta Thunberg ohne Rücksprache mit der Bewegung das Markenrecht von „Fridays for Future“ für sich und ihre Familie besetzen will, ist gegenüber den vielen AktivistInnen, die diese Bewegung ausmachen, ein grober Vertrauensbruch und politisch absolut falsch. Sollte die Familie Thunberg eine exklusive Kommerzialisierung von „Fridays for Future“ anstreben, würde die Dynamik der ohnehin schon stagnierenden Bewegung schwer darunter leiden.

Denn auch, wenn es bei den medialen Auftritten nicht immer rüberkommt: die Streikzahlen befinden sich im freien Fall. Nur in wenigen Großstädten wird noch regelmäßig gestreikt. Wo Ortsgruppen fortbestehen, herrscht meistens ein Zustand der Resignation.

Im April 2019 warnte der Verfassungsschutz die damals junge Bewegung vor einer „Entgrenzungsstrategie“ der radikalen Linken. Nach einem Jahr voller Rampenlicht und Spendengeldern ist klar, dass von der „bürgerlichen Mitte“ genau solch eine Strategie betrieben worden ist. Das Ergebnis ist ernüchternd: eine Jugendbewegung, die sich den Denkrahmen der neoliberal sozialisierten Eltern zu eigen gemacht hat und sich jetzt wundert, warum sie gegen die Wand läuft.

Es braucht keine apokalyptischen Überspielungen, wie in der Klimabewegung leider zu häufig der Fall, um den Eindruck zu bekommen, dass diesem Denkrahmen jeder Realitätsbezug fehlt. Doch die Tatsache, dass die reale Gefahr der Klimakipppunkte mittlerweile allgemein bekannt ist oder dass die Bilder der australischen Buschbrände durch die Welt gegangen sind, lässt Zweifel darüber aufkommen, ob es hier bloß um Informations- oder Sensibilitätsmangel geht.

Der Versuch Luisa Neubauers, Siemenschef Joe Kaeser durch die Darstellung der Konsequenzen seiner Beteiligung an der australischen Adani-Mine vom Projekt abzuraten, war realitätsferner als der Beschluss Kaesers, mit dem Projekt einfach fortzufahren. Kaeser handelte seinen Interessen entsprechend und wusste was er tat. Er hat keinen „unentschuldbaren Fehler“ begangen, wie Neubauer behauptet, sondern ein profitables Verbrechen.

In einer solchen Situation den Anspruch auf Markenrechte als Schutz gegen kommerzielle und politische Instrumentalisierung zu rechtfertigen, ist naiv. Sogar, wenn Greta es gut meint: sie wird uns vor Instrumentalisierungsversuchen von Seiten der Konzerne nicht retten. Dafür braucht es einen praktischen Bezug zu den bundes- und weltweiten sozialen Kämpfen der arbeitenden Bevölkerung, die besonders von der Umweltzerstörung betroffen sind. Es braucht eine deutliche Abgrenzung zu denjenigen, die uns in die Klimakrise hinein geritten haben. Und es braucht die Klarheit, dass die Pariser Ziele aus dieser Gesellschaftsordnung hinaus führen und mit ihr unvereinbar sind.

Wollen wir als „Fridays for Future“ mehr hinterlassen als eine ineffektive und unsoziale CO2-Steuer und einen verspäteten Kohleausstieg, brauchen wir eine strategische Neuausrichtung, die diese Erkenntnisse zur Grundlage hat. Es muss eine Klimabewegung her, die sich für kostenlosen ÖPNV und für bezahlbaren grünen Wohnraum stark macht, der die Umweltzerstörung von RWE in Peru genauso wichtig ist wie die im Rheinland, die den Schulterschluss zu den ArbeiterInnen im Braunkohlesektor sucht und mit derselben Deutlichkeit die Beteiligung von Siemens an Adani verurteilen kann, wie die Beteiligung deutscher Rüstungskonzerne am türkischen Krieg in Nordsyrien.

Wir beschweren uns immer darüber, als Bewegung nicht ernst genommen zu werden. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns das Ausmaß unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst machen, kurz: dass wir uns selbst ernst nehmen.


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