Immer wieder wird Deutschland als Recycling-Weltmeister betitelt und der Bund klopft sich vor lauter Stolz auf die eigene Schulter. Aber wie viel steckt hinter dem Mythos der fast vollkommenen Wiederverwertung? – Ein Kommentar von Tabea Karlo

In den letzten Monaten wurde immer wieder über ein Thema gestritten: Plastik. Plastik, das in den Weltmeeren schwimmt, Plastiktüten, die abgeschafft werden und letztendlich Plastik, das wieder verwertet werden kann. Dabei bleibt nicht unerwähnt, dass Deutschland eines der Länder ist, die am meisten recyceln. Unser Plastikmüll landet also nicht im Meer oder in der Luft, vorausgesetzt, wir trennen unseren Müll, oder?

Ganz so einfach ist das leider nicht. Nur weil etwas recycelt wird, bedeutet das nicht, dass es umweltfreundlich ist. Erst einmal ist es dadurch nur ein bisschen weniger schädlich als es sowieso gewesen wäre. Zweitens redet der deutsche Staat selbst häufig gar nicht von recyceln, sondern von verwerten. Und auch wenn manch eine/r das vorher nicht gedacht hätte, das sind zwei grundverschiedene Dinge.

Was bedeutet verwerten?

Im Supermarkt sind die Gurken mal wieder in Plastik eingeschweißt. Wir ärgern uns, doch schließlich gibt es nichts anderes und wenn doch, dann ist es doppelt so teuer. Wir gehen nach Hause und nach dem Essen schmeißen wir die Verpackung in den gelben Sack. Damit ist doch eigentlich alles gut, oder zumindest besser. Schließlich kann der Müll jetzt wenigstens noch verwertet werden, nicht wahr?

Nur, dass Verwerten in Deutschland nicht das bedeutet, was wir denken. Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass in Deutschland 99% dieses Mülls verwertet werden. Klingt nach einer fabelhaften Statistik. Das ist sie auch im wahrsten Sinne des Wortes: eine Fabel.

Der Plastikatlas, der 2019 durch die Heinrich-Böll-Stiftung und den BUND veröffentlicht wurde, zeigt, was wirklich mit den 5,2 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen, die in deutschen Gewerben und Haushalten anfallen, passiert. 60% werden energetisch verwertet. Energetische Verwertung ist nichts anderes als Müll zu verbrennen, um ihn zum Beispiel als Ersatzbrennstoff für die Zementproduktion zu nutzen.

Die dabei entstehende Energie kann allerdings nur einmal genutzt werden, zusätzlich wird während dieser Prozedur enorm viel Kohlendioxid ausgestoßen. Und die Giftstoffe, die bei der Verbrennung von Plastik entstehen, müssen aufwendig aus dem Qualm gefiltert werden, damit sie nicht in die Luft gelangen. Die durch die Filteranlagen heraus gefilterten giftigen Stoffe werden dann in Untertage-Deponien eingelagert.

Was passiert beim „recyceln“?

Glücklicherweise bleiben ja dann noch 40% des Plastikmülls, die nicht energetisch verwertet werden. Die gute Seite ist, dass das Meiste davon recycelt wird. Die schlechte Seite ist: rund ein Drittel davon wird für das Recycling ins Ausland exportiert. Nachdem der Müll Deutschland verlassen hat, wird dann nicht weiter verfolgt, was damit passiert. Zuletzt wurde Einiges an deutschem Müll auf einer wilden Müllkippe in Malaysia gefunden – mal abgesehen davon, dass es auch nicht gerade umweltfreundlich sein kann, so große Mengen Müll quer über mehrere Kontinente zu chauffieren.

Jetzt aber wirklich: die letzten nicht mal 30% werden ja hoffentlich wohl recycelt?

Auch hier ein klares: Jein. Der restliche Plastikmüll geht zwar nachvollziehbar in deutsche Recyclinganlagen. Dort wird aber noch einmal rund ein Drittel aussortiert und verbrannt. Der Müll ist häufig zu stark verschmutzt oder aus sogenanntem Multilayer-Kunststoff, dieser kann entweder gar nicht oder zumindest nicht profitabel recycelt werden.

Am Ende werden von ursprünglich 5,2 Millionen Tonnen Abfall nur 0,9 Millionen Tonnen Rezyklat, also recycelter Kunststoff gewonnen. Das sind gerade einmal 17%.

Was bedeutet das für uns?

Das mit dem Recyceln und Verwerten klappt also nur so mittel- bis gar nicht gut. Aber das bleibt nicht das einzige Problem: selbst bestes Wiederverwerten oder Recyceln ändern nichts daran, dass einfach unglaublich viel Müll produziert wird. Der in Deutschland entstehende Plastikmüll hat sich in den vergangen 20 Jahren verdoppelt. Pro Kopf produzieren wir etwa 25,4 Kilogramm Plastikmüll pro Jahr.

Und an dieser Stelle wären wir fast in die Falle getappt: produzieren denn wirklich WIR diesen Müll? Darauf kann man mit einem entschiedenen ‚Nein‘ antworte – außer ihr habt die Gurke letzten Dienstag selbst mit einer Plastikhülle überzogen. Von einem ‚Wir‘ zu sprechen, impliziert, dass wir im Supermarkt wirklich eine Wahl hätten und liegt sehr nahe bei Julia Klöckner, die uns immer wieder nahe legen möchte, einfach mehr Geld für Lebensmittel auszugeben.

Doch die meisten Menschen in Deutschland haben diese Wahl nicht. Viele können nicht bei jedem Einkauf 15€ mehr bezahlen, um in den süßen Unverpacktladen nebenan zu gehen, statt in den Lidl, in dem es den Reis leider nur in einer Plastikverpackung gibt. Damit sind es nicht wir, die den Plastikmüll produzieren, sondern wir werden genötigt, mitzumachen beim Plastikeifer großer Konzerne, die versuchen, die Verantwortung für ihre umweltbelastende Produktion auf uns abzuschieben.

Letzten Endes kann die Lösung dieser Problematik also nur eine Produktion sein, die an unsere Bedürfnisse und die Umwelt angepasst ist, und bei der es sich nicht ausschließlich um Profite dreht.


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