Chile despertó! Chile ist aufgewacht! Das war die große Parole im letzten Jahr, nachdem erhöhte Fahrkartenpreise dort große Kämpfe entfacht hatten. In der ersten Reihe der Proteste für bezahlbare Lebensmittel, gegen Ungerechtigkeit und Militär: Mutige Frauen, alte und junge, indigene und Migrantinnen. Von ihrer Botschaft können wir für den Frauenkampftag heute viel lernen. – Ein Kommentar von Olga Wolf

Sie organisierten Aktionen unter Frauen, mit denen sie die Gefahr patriarchaler Gewalt anprangerten. Der Polizei war dieser Kampfgeist ein Dorn im Auge. Sie griffen alle Proteste heftig an: es werden bis zu 3.500 Verletzte durch Polizeigewalt geschätzt. Gegen Frauen übten die Polizisten auch sexualisierte Gewalt aus, versuchten sie mit Belästigung, Übergriffen oder Vergewaltigung einzuschüchtern.

Ihr Protest geht um die Welt

Der Widerstand der Frauen hat für die Proteste eine ganz besondere Rolle gespielt. Von einer Protestform haben viele Menschen etwas mitbekommen: der Performance von „Las Tesis“ mit dem Namen „El violador en tu camino“. Auf Deutsch bedeutet das: „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“. Ein Video der ersten Aufführung ging viral. Ein paar Frauen rufen dabei den Sprechgesang im Chor, mit verbundenen Augen, während sie in einer Choreographie die Fäuste heben oder gemeinsam marschieren.

Schon ein paar Tage später, am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, machten 100 Frauen in Mexiko den Protest nach. Dann in Kolumbien, auf seinem Weg nach Europa, vor dem Eiffelturm in Paris oder dem Kölner Dom.

Kniebeugen gegen Polizeigewalt

Wesentlicher Teil der Bewegungen sind das Marschieren, das Erheben der linken Faust, aber auch das Knie-Beugen. Ein Bericht zu sexualisierter Polizeigewalt der Human Rights Watch beschreibt nämlich, wie die chilenischen Carabineros Inhaftierte zwingen, nackt Kniebeugen zu machen.

Am Ende des Textes skandieren die Protestierenden eine Strophe aus der Hymne der Carabinero. Sie handelt davon, dass die Frauen sich nicht fürchten sollen, ein Polizist werde (schon) auf sie aufpassen. „El violador eres tú!“ könnte die Antwort sein, die die Protestierenden darauf geben. „Der Vergewaltiger bist du!“ rufen sie, während sie mit dem Finger nach vorne zeigen.

Frauen gegen Unterdrückung – weltweit

Dieser choreografische Protest mutiger Frauen, der um die Welt gegangen ist, ist nur ein bekanntes Beispiel für die unzähligen anderen: Seien es die Samstagsmütter in der Türkei, diejenigen, die im Iran ihre Kopftücher abnehmen, um gegen religiöse Unterdrückung vorzugehen, diejenigen, die sich aus ihrer Zwangsheirat befreien oder die Kämpferinnen, die den IS in Kurdistan besiegen.

Frauen und Menschen der LGBTI-Gemeinschaft (das steht für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans und Intergeschlechtlich) sind besonderer Gewalt durch das Patriarchat ausgesetzt, durch die männerdominierte Gesellschaft. Dieses Patriarchat profitiert vom Kapitalismus und andersherum – zum Beispiel, weil wir einen Großteil der Sorgearbeit – also Kochen, Waschen, Kindererziehen – unbezahlt erledigen.

Deswegen: Frauenstreik am 8. März!

Heute ist der 8. März, der weltweite Frauenkampftag. Ursprünglich wurde er von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin ins Leben gerufen, um das Frauenwahlrecht zu erstreiten. Ihre politischen Gegner haben viel dafür getan, dass heute oft nur Blumen verschenkt werden oder Kaufhäuser Frauen Rabatte geben. Obwohl wir das Frauenwahlrecht in Deutschland heute haben, bleibt noch viel zu tun.

Auf der ganzen Welt, auch in Deutschland, leiden Frauen unter Partnerschaftsgewalt, sexualisierten Übergriffen und struktureller Benachteiligung – auch hier gilt zum Beispiel noch nicht „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Frauen bekommen oft einen geringeren Lohn gezahlt als ihre männlichen Kollegen.

Wer wird diese Ungerechtigkeit beenden? „Der unterdrückende Staat ist ein Macker, der vergewaltigt!“ lautet eine Zeile von Las Tesis. Der Staat setzt patriarchale Gewalt gezielt ein, um den Kampfgeist in sozialen Bewegungen zu brechen. Auf ihn können wir uns nicht verlassen.

Es gibt aber Hoffnung, denn seit zwei Jahren rufen Frauen in der ganzen Bundesrepublik am 8. März zum Frauenstreik auf! Wenn wir streiken, dann steht die Welt still – in den Fabriken, in den Kindergärten, im Krankenhaus, in der Bahn, in der Küche. Die Botschaft ist klar: Am 8. März auf die Straße!


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