Bereits am 10. Dezember verstarb ein Arbeiter während der Nachtschicht im VW-Werk in Wolfsburg. Rund zwei Stunden soll die Leiche des Mannes neben dem weiterlaufenden Förderband gelegen haben. Nun kommen immer mehr pietätlose Details zu dem Fall ans Licht.

Scheinbar versuchte der VW-Konzern den Fall so gut es geht aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Erst im Februar wurde der Fall in den Sozialen Medien bekannt und dann von verschiedenen Zeitungen aufgegriffen, nachdem in der Februar-Ausgabe der Betriebszeitung „Vor-Wärtsgang“ eine Traueranzeige unter dem Titel „Grenzenlos pietätlos“ erschienen war und ein Foto davon im Internet verbreitet wurde.

Bei dem Verstorbenen soll es sich um einen 59 Jahre alten Arbeiter der Logistikfirma Schnellecke handeln. Verschiedene Medienberichte legen nahe, dass der Mann trotz Krankheit arbeiten war und dann in der Halle 12 des Wolfsburger VW-Werkes einen Herzinfarkt erlitt und starb.

Betriebszeitung macht Details öffentlich

Laut der Betriebszeitung „Vor-Wärtsgang“ lag die Leiche des Mannes ganze zwei Stunden in unmittelbarer Nähe des Montage- und Förderbandes. KollegInnen hätten dauerhaft an der Leiche und dem Polizei- und Rettungseinsatz vorbei gehen bzw. fahren müssen, um die Produktion am Laufen zu halten.

Die Betriebszeitung berichtet zudem, dass sich ArbeiterInnen über den Zustand beschwert hätten, woraufhin sie von zuständigen Meistern wieder an die Arbeit gescheucht wurden mit den Worten: „Der ist eh tot, der merkt nichts mehr!“ und „Wenn die Alten sterben, ist mehr Platz für die Jüngeren!“ VW selbst bestreitet, dass es zu diesen Äußerungen gekommen ist.

Eine gemeinsame Recherche von der Aktion gegen Arbeitsunrecht und der Stiftung ethecon – Stiftung ethik & Ökonomie wollte die zahlreichen offenen Fragen in dem Fall klären und setzte sich dazu mit VertreterInnen von VW, dem VW-Betriebsrat, des VW-Vertrauensleutekörpers und der IG Metall Wolfsburg in Kontakt. Laut einem Artikel über die Ergebnisse der Recherche, warf diese jedoch erheblich mehr Fragen auf, als sie beantworte konnte.

Reaktionen von VW und Gewerkschaft

So bestätigte der VW-Konzern den Tod des Arbeiters und sah sein eigenes Handeln ansonsten als vorbildlich an. Vertreter des Konzerns schildern einen gänzlich anderen Ablauf der Ereignisse als die Betriebszeitung.

Zudem verteidigte ein Konzernsprecher, dass die Produktion weitergeführt wurde, denn schließlich müsse ein Flugzeug ja auch weiter fliegen, wenn an Bord etwas passiere. Ein vollkommen unzutreffender Vergleich, ging es hier doch darum, das VW keine Umsatzeinbußen machen wollte und nicht um eine tatsächliche Unmöglichkeit, die Produktion zu unterbrechen.

„Wir haben verschiedene Versuche unternommen, über den Betriebsrat, den Vertrauensleutekörper oder die IG Metall Wolfsburg Informationen zu erhalten. Vergeblich. Offenbar ist die Interessenvertretung der Beschäftigten hier streng in die PR des Unternehmens eingebunden, die auf Verschweigen und Mauern setzt.“, so die Aktion gegen Arbeitsunrecht als Fazit zu den Reaktionen der Gewerkschaft und ArbeitnehmerInnenvertretung auf ihre Nachfragen.

Die IG Metall Wolfsburg geht sogar soweit, dass sie schriftlich behauptet, sie wisse gar nichts über den Fall. Dies scheint nicht nur aufgrund der Organisierung im Betrieb, sondern auch wegen der Medienberichte und einer vorhergehenden verweigerten telefonischen Auskunft „aus Datenschutzgründen“ laut der Aktion gegen Arbeitsunrecht doch äußerst unwahrscheinlich.


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