Viele Männer sind aufgrund der Coronakrise nun ständig zu Hause. Jetzt müssen auch sie zumindest etwas in der Küche kochen oder backen, sich mit den Kindern beschäftigen und mit ihnen Hausaufgaben machen. Viele Männer in meinem Umfeld bemängeln ihren Freiheitsverlust und die Langeweile in dieser Situation. Deswegen schreibe ich unseren lieben Männern einen Brief. – Von Helin Kurdi

Liebe Männer, die jetzt ständig zu Hause sind,

als Frau und Mutter kann ich euch gerade sehr gut verstehen. Euch ist langweilig. Den ganzen Tag zu Hause zu bleiben, um der Familie Mahlzeiten zuzubereiten, ist anstrengend. Sich um die Hausaufgaben der Kinder zu kümmern, macht keinen Spaß. Immer morgens gleich nach dem Aufstehen aufzuräumen, den Frühstückstisch zu decken, die Wohnung zu putzen und aufzuräumen, die Wäsche zu machen und viele weitere Tätigkeiten im Haushalt sind mühsam. Kindern jeden Tag neue Gerichte zuzubereiten, erfordert viel Kreativität und ist oft öde.

Habt ihr den Eindruck, dass ihr jetzt sehr viel Zeit im Haushalt und für unbezahlte Hausarbeit verschwendet? Habt ihr schon das Gefühl, dass ihr selbst ein Haushaltsgegenstand geworden seid, genau wie eure Geräte zu Hause? Fühlt ihr euch in eurem eigenen Zuhause gefangen gehalten? Habt ihr bereits Sehnsucht nach der Freiheit, rauszugehen? Rauszugehen ohne Angst vor Bestrafung oder davor, angemacht zu werden, nur weil ihr einen Spaziergang machen oder zum Sportstudio gehen wollt? Fühlt ihr euch kontrolliert, wenn ihr euch mit jemandem treffen wollt?

Jetzt wisst ihr, wie krank und zerstörerisch es ist, wenn Mann dazu verdammt ist, zu Hause den ganzen Tag unbezahlte Arbeit zu verrichten. Jetzt wisst ihr, wie unmenschlich und ungerecht es ist, wenn Mann sich jeden Tag um alle erdenklichen Familienangelegenheiten kümmern muss. Ja, es ist eine schmerzlose, stille Folter, wenn jemand – ob ein Mann oder der Staat – über deine Freiheit und dein alltägliches Leben bestimmt und dir vorschreibt, wann, weshalb und mit wem du rausgehen darfst.

Aber was ist, wenn Frau dazu verdammt ist? Stellt euch jetzt vor: Millionen von Frauen auf diesem Planeten erleiden diese Unfreiheit im Alltag. Stellt euch mal vor, dass eure Mütter, Schwestern, Töchter, Freundinnen oder Kolleginnen ihr ganzes Leben so verbringen. Für sie ist das Leben ein ewiges Leben in Quarantäne. Für viele Frauen stellen sich ihre Haushalte als Gefängnisse dar, in denen ihre Söhne, Brüder, Väter, Ehemänner und Partner die Rolle von Aufsehern übernehmen.

Ich bin nur eine von ihnen, eine Frau, die gleichzeitig Mutter ist, einem Beruf nachgeht und auch noch gezwungen ist, politisch für ihre Rechte aktiv zu sein. Jeden Tag verschwinde ich für fast sechs Stunden lang hinter meinen Rollen als Mutter und Hausfrau.

Beim Schreiben dieses Artikels musste ich für die Familie Abendessen zubereiten und mich mit einer Geflüchteten austauschen, die am Tag zuvor in der Ausländerbehörde von vier Sicherheitsmännern angegriffen wurde, obwohl sie nur einige Fragen zum Asylrecht gestellt hatte, und musste ständig kontrollieren, ob meine Tochter sich um ihre Hausaufgaben kümmert oder nicht – alles gleichzeitig.

Der Vater meiner Tochter weiß nicht, wie sein Kind aufwächst, was ihr Lieblingsessen ist, was ihre Lieblingsfarbe ist und wie viel das Kind monatlich kostet. Auch weiß er nicht, was ihr Traumberuf ist, wer ihre beste Freundin ist, in welchem Alter sie sich verlieben wird und ob das Kind in der Schule gemobbt wird.

Als Mann wollte er mit mir eine Beziehung führen – im wahrsten Sinne des Wortes „führen“. Während er politische Arbeit geleistet hat, musste ich kochen, putzen und ebenfalls Lohnarbeit verrichten. Nach einer kurzen Zeit kam die Frage auf, ob man ein gemeinsames Kind in die Welt setzen sollte. Für ihn war das eine Bestätigung seiner Männlichkeit – für mich bedeutete es, auf meinen Beruf und meine Freiheit zu verzichten.

Als ich meinte, eine Schwangerschaft nach nur einem Monat seit der Hochzeit sei ein Irrsinn, sagte er mir, eine Frau ohne Kind sei wie ein Baum ohne Obst. Im Bewusstsein dieser vermeintlich „heiligen Pflicht“ habe ich ein wunderbares Mädchen in die Welt gesetzt. Er könnte bezeugen, wie anstrengend es ist, wenn man ein Baby zu Hause hat und die ganze Zeit weint. Aber nicht ihm, sondern mir war die ganze Bürde von Haushalt und Kindeserziehung aufgetragen.

Sein patriarchales Verhalten hat mich zu einer Scheidung gezwungen. Im Haushalt und in der Kindeserziehung war er keineswegs eine Hilfe, sondern eine große zusätzliche Last.

Seitdem erziehe ich meine Tochter alleine. Ich musste für das Kind meine Familie, meinen Beruf und viele meiner Freunde opfern. Mehr noch. Ein Mann hat mir meine Freiheit, meinen Beruf und mir geliebte Menschen geraubt.

Seit 11 Jahren habe ich auf fast alles verzichtet, was mir wichtig war. Seit 11 Jahren bin ich als Alleinerziehende und Migrantin in meinem eigenen Heim eingesperrt, eingezwängt und geknebelt.

In meinem Wohnort kann ich als Journalistin nicht mehr arbeiten, weil ich die Sprache nicht ausreichend beherrsche. Meine Texte müssen immer noch korrigiert werden. Um als Journalistin irgendwo anders in Europa in meiner eigenen Muttersprache zu arbeiten, müsste ich flexibel sein und jederzeit von Ort zu Ort reisen. Als Alleinerziehende kann ich das nicht.

Liebe Männer, jetzt ahnt ihr vielleicht, wie sich die Situation von Millionen Frauen anfühlt. Auch ich träume von der Freiheit, einfach am Wochenende mit meinen Freunden ausgehen zu können, einfach überall herumreisen zu können und nicht hinter alltäglichen Pflichten zu verblassen.

Aber da ihr eure Verantwortung als handelnde Menschen viel zu oft nicht übernehmt, müssen wir Frauen nicht nur „den halben Himmel tragen“, wie es gerecht wäre. Für eure Freiheiten und eure Freuden am Leben müssen wir millionenfach unsere Freiheit und unsere Freude am Leben aufgeben.

Denkt also bitte an die Millionen in ihrem eigenen Heim gefangenen Frauen, deren Aufseher ihr spielt, wenn die Quarantäne ausgestanden ist. Vielleicht können wir dann nach dem Corona-Virus gemeinsam die kranken Verhältnisse bekämpfen, die aus dem Patriarchat erwachsen.


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