Italienische Gefängnisse sind überfüllt, häusliche Gewalt nimmt zu, lange Schlangen vor Pfandleihhäusern. In Rostock zersticht ein Unbekannter unablässig Autoreifen mit Kennzeichen von auswärts. Der Presse gegenüber geben sich Behörden genervt von Denunziantentum.

Die Videos von italienischen Balkonen, von denen aus BewohnerInnen musiziert und applaudiert haben, gingen um die Welt. Sie inspirierten auch in vielen Ländern NachahmerInnen: etwa als auf deutschen Balkonen „Freude schöner Götterfunken“ gesungen wurde, auch wenn dieses Video nicht im selben Maß begeisterte.

In vielen Fenstern hingen Regenbögen als Symbol für Zusammenhalt. Noch immer kommen abends Menschen an den Fenstern zusammen, um ihre Anerkennung für Pflegepersonal auszudrücken und bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Doch die Stimmung kippt.

Bedürfnisse wie Freiheit und Sicherheit nicht erfüllt

Mit der Corona-Pandemie ging in den allermeisten Staaten auch eine massive Einschränkung der Grundrechte einher. Mancherorts ist es der Willkür von PolizeibeamtInnen überlassen, mit wie vielen Menschen und zu welchem Zweck man das Haus verlassen darf. Andernorts sind die Straßen schlicht leer, weil die persönliche Freiheit vollkommen ausgesetzt wurde.

Dazu kommt die Unsicherheit, die viele derzeit wegen der Wirtschaftskrise historischen Ausmaßes erleben. ArbeiterInnen arbeiten unter erhöhtem Druck oder erleben den Stress, keine Arbeit und damit auch keine Existenzsicherung zu haben. Das gesundheitliche Risiko und schwindendes Vertrauen in profitorientierte Gesundheitssysteme tun ihr übriges.

Genau diese Einschränkungen macht die italienische Psychologin Serena Valorzi für die zunehmende Gewalt und das Denunziantentum verantwortlich, dass sie derzeit in Italien beobachtet. Acht von zehn ItalienerInnen fühlen sich wegen der Abriegelung gestresst, so eine Umfrage im Auftrag des italienischen Psychologenverbands.

Der größte Auslöser: Finanzielle Ängste. Es häufen sich in den lokalen Nachrichten Berichte von langen Schlangen vor Pfandhäusern.

Vandalismus und „Petz-Anzeigen“

In Deutschland ist eine ähnliche Stimmung spürbar. Berühmtheit erlangte der „Reifenstecher“ von Rostock. Wiederholt suchte die Person nachts Autos mit „auswärtigen“ Kennzeichen, um die Reifen zu zerstechen.

Allein bei der Münchener Polizei seien zeitweise rund 150 Anrufe eingegangen, in denen Menschen ihre NachbarInnen oder Mitmenschen bezichtigten, gegen die Corona-Auflagen zu verstoßen. In Magdeburg ging das Denunzieren sogar so weit, dass die Polizei einen öffentlichen Aufruf herausgab, mit dem sie die MagdeburgerInnen bat, nicht „immer, wenn drei Leute auf der Parkbank sitzen“ die Behörde zu verständigen.


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