Am 29. April hat die Verjährung im Strafverfahren um die Fußball-WM in Deutschland 2006 eingesetzt. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Die – gerade aufgrund der Ausgangsbeschränkungen – sehr beliebten Gangster-Serien wie „Breaking Bad“ oder „Sons of Anarchy“ vermitteln leicht den Eindruck, dass krumme Geschäfte und Korruption der Stoff sind, aus dem moderne Märchen gemacht werden.

Der nun geplatzte Prozess zum deutschen „Sommermärchen“ macht in besonders öffentlichkeitswirksamer Art und Weise deutlich, dass genau das aber Realität ist. Nur in den Hauptrollen finden wir keine Rocker oder Drogendealer, sondern Fußball-Funktionäre und Staatsanwälte.

Da es etwas zurückliegt, sei der Auftakt zum sogenannten „Sommermärchen“ nochmal kurz erzählt. Durch Artikel des Spiegel steht seit 2015 der Vorwurf im Raum, das deutsche Bewerbungskomitee habe die WM-Vergabe nach Deutschland „gekauft“. Dazu seien im Frühjahr 2000 13 Millionen Deutsche Mark an das Vergabe-Komitee geflossen. Diese Summe tauchte nicht im offiziellen Haushalt der deutschen Kommission auf, der selbst nur 20 Millionen betrug. Das Geld hatte man sich offenbar vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfuß geliehen.

Das „deutsche Sommermärchen“ – was wäre, wenn dieser erhabene und identitätsstiftende Moment knapp 15 Jahre später – gerichtlich bestätigt – im Korruptionssumpf gelandet wäre? Viele der Beteiligten hätten das offensichtlich als zuviel des Guten empfunden.

Die Schweizer Staatsanwaltschaft und die Schweizer Gerichte ließen sich mit der Anklageerhebung recht viel Zeit. Erst im August 2019 wurde Anklage erhoben, obwohl klar war, dass im April 2020 die Verjährung droht. Auch ohne Corona ist fraglich, ob man mit einer solch kurzen Prozessdauer irgendjemanden hätte verurteilen können.

Die deutschen Fußballfunktionäre auf der Anklagebank geben sich nun geknickt, denn so sei ihnen die Möglichkeit genommen worden, ihre Unschuld vor Gericht zu beweisen. Dass sie sich in den 2010er Jahren noch gegenseitig Lügen vorwarfen und in Widersprüche verstrickten, spricht dagegen, dass das so einfach gewesen wäre. Ein durchsichtiges Manöver. Möglicherweise hält es sie aber nicht davon ab, jetzt sogar noch Schadensersatz zu fordern. Wer hat, dem wird gegeben.

Eine pikante Rolle spielt dabei aber auch der Schweizer Bundesanwalt Michael Laubers. Der hat viel damit zu tun, dass der Fall erst so spät vor Gericht kam. In der Zeit, in der er an der Fertigstellung einer Anklageschrift hätte arbeiten müssen, hat er sich offenbar „informell“ mit FIFA-Chef Gianni Infantino getroffen. Blöd nur, dass sich keiner von beiden an den Inhalt dieser Treffen erinnern kann.

Das Sommermärchen stinkt bis zum Himmel nach Korruption, und der geplatzte Prozess, um das nachzuweisen, auch. Für Fußballfans, die nun vielleicht bald per Fernseher die Spiele in leeren Stadien verfolgen können, ist das eigentlich nichts sonderlich Neues: Leidenschaft für den Sport und den Verein zeigen sie. Aber der Profifußball ist ein Milliarden-Markt, die Hauptleidenschaft der Funktionäre wird daher – naturgemäß – das Geld.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.