Immer wenn Menschen jetzt aufeinander treffen, spürt man es: die Anspannung, den Stress. Das Leben der Menschen hat sich innerhalb weniger Wochen um 180 Grad gedreht. Dies belastet vor allem Menschen, die schon vor der angeordneten Isolation in der eigenen Wohnung psychische Erkrankungen hatten. 

Eltern, die vorher eine 45-Stunden-Woche im Großraumbüro hatten, arbeiten jetzt im Homeoffice. Jugendliche, die ihren halben Nachmittag im Fitnessstudio verbrachten oder in der Shisha-Bar, sitzen in ihrem Zimmer vor dem PC. Kinder, die den ganzen Tagen in der Ganztagsschule und danach beim Sport oder Malkurs waren, hocken nun im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Familien und Wohngemeinschaften, in denen die Leute seit Tagen aufeinander hängen. Emotionen stauen sich auf, es scheint keinen Ausweg zu geben. – Das ist die eine Seite der Medaille.

Auf der anderen Seite der Medaille sind die, die alleine wohnen. Die niemanden in ihrer direkten Nähe haben und versuchen, sich den Tag mit Skype-Gesprächen und Fernsehen spannender, lebendiger zu machen. Die Stille in diesen Wohnungen scheint ohne das Hintergrundrauschen des Fernsehers unaushaltbar.

Beide Situationen können gleich stressig sein. Hinzu kommen neue Nachrichten im Minutentakt und für Viele die Unsicherheit, wie es in der Schule, Uni oder dem Beruf weitergehen wird. Aus dieser Anspannung kann schnell Angst werden. Eine Angst, die nicht einfach wieder weg geht, sondern die zum Teil ärztlich behandelt werden muss. Ganz schlimm wird es dann, wenn Menschen diese Möglichkeit nicht haben oder wahrnehmen können. Dann wird aus einer Angst viel zu schnell eine Depression, von der man sich ablenken will, eventuell mit Alkohol oder anderen Drogen. – Der Anstieg von psychischen Krankheiten in einer Ausnahmesituation wie dieser ist wahrscheinlich. Und es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, wie man den Menschen auch jetzt Hilfe anbieten kann.

PsychiaterInnen warnen vor steigenden Erkrankungen 

Auch wenn diese Situation neue Krankheiten erzeugen kann, darf man darüber nicht diejenigen vergessen, die bereits existieren. Die Psychiaterin Iris Hauth vom Vorstand der „Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ (DGPPN) warnt, dass sich die Symptomatik bei denjenigen, die bereits erkrankt sind, verschlechtern kann. In Deutschland gibt es viele Menschen, die sich bereits in Betreuungseinrichtungen oder Krankenhäusern befinden. Andere Leben in in ihren Familien und werden ambulant betreut. Auch sie bekommen die Aufregung mit, sind stressempfindlicher, zeigen mehr Symptome wie Angst, Panik oder Depressionen, erklärt Hauth. Die DGPPN hat daher Tipps zur seelischen Gesundheit während der Corona-Pandemie herausgegeben.

Nach Zahlen der DGPPN werden pro Quartal in Deutschland 2,5 Millionen gesetzlich Versicherte psychisch behandelt. Jährlich gibt es 800.000 stationäre und 150.000 teilstationäre Behandlungen, sagen die Zahlen des Statistischen Bundesamt.

Und in diesen Zahlen fehlen noch die Menschen, die sich gar keine Hilfe suchen. In vielen Köpfen herrschen auch heute noch Vorurteile über psychische Erkrankungen, in manchen Orten gibt es keine/n TherapeutIn in Reichweite oder es dauert ewig, einen Termin zu bekommen. Aus diesen und vielen anderen Gründen werden nicht wenige Menschen, die eigentlich Hilfe bräuchten, nicht behandelt. Die tatsächliche Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen oder einer starken psychischen Belastung liegt also noch weit höher.

Schon in „normalen“ Zeiten wird pro Jahr bei zehn Millionen Menschen eine Angststörung festgestellt, bei mehr als fünf Millionen eine Depression. In den Therapien lernen Patienten wieder, ihren Tag zu strukturieren und Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Viele Versorgungsangebote, die dabei helfen, fallen nun weg. Offene Treffs, Gruppentermine oder Ausflüge bleiben aus. Deshalb müssen Kliniken und Praxen zur Zeit ein alternatives Angebot entwickeln. Dazu gehören Telefonsprechstunden und Online-Interventionen. Ob diese Methoden rechtssicher sind ist nicht immer klar, und ob sie angemessen abgerechnet werden können, auch nicht. Außerdem funktionieren solche Ersatztermine nur bei „leichten“ Fällen. Laut dem DGPPN-Präsidenten Andreas Heinz ist die Gefahr groß, „dass schwer kranke Patienten den Verzicht auf den persönlichen Kontakt nicht lange aushalten“. Er befürchtet, dass die Zahl der Suizide steige, sollte die Kontaktsperre länger als zwei, drei Wochen anhalten.

Schon jetzt massiv steigender Beratungsbedarf

Die Anrufe bei Seelsorge- und Krisentelefonen nehmen zu. Beim „Krisendienst Psychiatrie“ in Oberbayern verdoppelte sich die Zahl der AnruferInnen im Vergleich zum Vorjahr um 100% von 70 auf 140 pro Tag. Das zeigt einen offensichtlichen Zusammenhang mit den Ausgangsbeschränkungen, die in Bayern besonders hart sind.

In den Fällen, in denen ein Telefongespräch nicht genügt, können regionale sozialpsychiatrische Dienste ein Gespräch mit geschulten Fachkräften anbieten. In Oberbayern sind 600 solcher HelferInnen im Einsatz. Die Gespräche finden momentan in Zweierteams, meist an der frischen Luft statt, um so unnötige Ansteckungen zu vermeiden. In vielen Bundesländern und Städten ist dieser Betreuungsschlüssel jedoch nicht gegeben.

Zu den Betroffenen zählen auch Menschen, die früher einmal eine psychische Erkrankung erlitten haben, die sie im Griff behalten wollen. Sie leiden verstärkt unter der Isolation und sind darauf angewiesen, dass ihre Behandlungen fortgeführt werden. Bei chronisch psychisch erkrankten Menschen kann es sogar sein, dass die wöchentliche Ergotherapie, ein Töpfer- oder Malkurs der einzige regelmäßige Termin im Leben sind.

Diese Therapieangebote finden häufig in sogenannten Institutsambulanzen statt, die wiederum Krankenhäusern zugeordnet sind. Momentan werden die PatientInnen aus den offenen Stationen aber schon dann entlassen, wenn eine Behandlung zu Hause „zumutbar“ erscheint. Es gibt kaum Neuaufnahmen, sie werden bewusst vermieden. Die Einrichtung der Corona-Stationen geht zu Lasten der PatientInnen in den Psychiatrien. Denn die Plätze in den Einrichtungen werden verlagert, ohne dass es mehr ambulante Kapazität gäbe, die die Not auffangen könnte.

Das über Jahre kaputt gesparte Gesundheitssystem wird also nicht nur Menschen, die an Corona erkranken, hart treffen, sondern auch zu Lasten aller anderen PatientInnen und der Menschen mit psychischen Erkrankungen gehen.


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