Italien ist ein Hotspot der internationalen Corona-Pandemie. Fast 20.000 Menschen sind bereits gestorben. Aus mehreren Gebieten wurden Plünderungen und wütende Proteste gemeldet, das Militär wird entsandt. Was passiert gerade in diesem Land? – Ein Interview mit Levent aus Mailand.

Vielleicht willst du dich kurz vorstellen.

Ich heiße Levent, ich komme aus der Türkei, aber ich wohne seit einigen Jahren in Mailand, wo ich an der staatlichen Universität Mailand Interkulturelle Kommunikation und Sprachvermittlung studiere. Nach Italien bin ich wegen meines Freundes Alessandro umgezogen, denn er wohnt hier.

Wie sind die italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter von der Krise betroffen und wie gehen sie damit um?

In der letzten Zeit ist hier in Italien so viel passiert, dass ich kaum weiß, womit ich anfangen soll. Leider wurde das Mailandgebiet am schlimmsten vom Coronavirus getroffen, und wir befinden uns inmitten dieser Krise.

Am 11. März wurde in ganz Italien die Ausgangssperre verhängt. Seit dem 7. März haben Aufstände in 20 verschiedenen Gefängnissen stattgefunden.

Die Gefangenen protestierten gegen die schlechten Bedingungen und wegen der Angst vor Infizierung. Während dieser Aufstände sind ungefähr 20 Menschen ums Leben gekommen. Schon nach kurzer Zeit wurde das Militär entsandt. Das alles sah genauso wie ein schrecklicher Sciencefiction-Film aus.

Trotzdem sind wir heute mit bestimmten Problemen nicht konfrontiert. Die ganze Zeit verbringen wir zu Hause – seit mehr als einem Monat. Einkaufen können wir einfach, denn es gibt alles, also keine Versorgungsprobleme, nur müssen wir ziemlich lang in einer Schlange warten, bevor wir in den Supermarkt können.

Leider ist die Entwicklung Italiens nicht richtig ausgeglichen. Während der Norden reich und stark industrialisiert ist, ist der Süden des Landes immer noch zurückgeblieben, und da werden die Folgen der Sperre als schwerer empfunden. Die Firmen sind überall geschlossen, und im Süden sieht die Wirtschaftslage katastrophal aus. Deswegen wurden die Polizei und das Militär zum Schutz der Supermärkte entsandt.

Wie bewertest du die Maßnahmen der italienischen Regierung im Umgang mit der Pandemie?

Meiner Meinung nach wurden die Maßnahmen von der Regierung ziemlich spät und unentschlossen ergriffen. Zum Beispiel wurden die Grenzen spät geschlossen, denn die Regierung fürchtete sich vor Schäden für den Tourismus. In der Lombardei – das industrielle Herz Italiens – sind die Firmen wegen des Drucks vom Unternehmerverband bis zum 21. März offen geblieben.

Hunderttausende ArbeiterInnen sind drei Wochen lang täglich zur Arbeit gegangen, und das hat den Tod von tausenden Menschen verursacht, insbesondere im Bergamo-Gebiet, wo das Militär für den Leichentransport aus dem Gebiet heraus gebraucht wurde.

In Italien kommen auf 100.000 EinwohnerInnen gerade einmal 8,5 Intensivbetten. Wie überlastet ist das italienische Gesundheitssystem und welche Rolle spielt dabei die Kürzungspolitik der letzten Jahre?

Heute wissen wir nicht, warum so viele Menschen in Italien an dem Coronavirus gestorben sind. Hoffentlich werden die untersuchenden Fachleute etwas darüber erfahren. Natürlich hat die Kürzungspolitik der letzten Jahren eine wichtige Rolle gespielt. Das staatliche Gesundheitswesen ist immer brüchiger geworden, manche Krankenhäuser wurden geschlossen, und die Ärzte arbeiten unregelmäßig mit unsicheren Verträgen. Viele Leute konnten nicht von den Krankenhäusern aufgenommen werden – wegen der geringen Zahl an Intensivbetten.

Gibt es Proteste gegen die Regierung? Wie sehen diese aus und wie reagiert der Staat? Welche Perspektiven siehst du für Italien in den nächsten Monaten?

Im Moment gibt es in Italien keine Proteste. Die ItalienerInnen, als erste, die in Europa vom Virus getroffen wurden, sind heute erschrocken und entmutigt. Nur in den sozialen Medien werden die Meinungsverschiedenheiten klar, aber es geht dabei um keine organisierte Bewegung. Die Opposition im Parlament, die heute in Italien aus Rechten besteht, wird diese Stimmung ausnutzen können, und die Zustimmung der Bevölkerung wird wahrscheinlich zunehmen. Es wird eine schwierige Zeit sein – für ganz Europa.


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