Natürlich sollten wir die Leistungen von AlltagsheldInnen würdigen. Sie haben auch vor der Corona-Krise ihre Familien ernährt und der Gesellschaft große Dienste erwiesen. Aber warum werden sie ausgerechnet jetzt so großspurig zu „Heldinnen und Helden“ erklärt? – Unser Korrespondent Pa Shan meint, die Anerkennung von AlltagsheldInnen diene jetzt vor allem den Bossen und Konzernen und soll die ArbeiterInnen von ihren Rechten ablenken.

Für gewöhnlich werden in unserem System nur superreiche Kapitalisten wie Jeff Bezos, Bill Gates oder Elon Musk zu Helden erklärt. Sie haben offensichtlich „Besonderes“ „vollbracht“, indem sie ihr Unternehmen vorangebracht und superreich geworden sind. Man bewundert sie, weil nur die wenigsten Menschen das schaffen.

Einfache ArbeiterInnen werden nur geehrt, wenn sie jemanden vor einem Feuer oder einer anderen Gefahr retten. Kein Wunder! Die meisten Menschen erleben ihre Lohnarbeit als alltägliche erzwungene Plackerei, für die man viel zu wenig Lohn und kaum Anerkennung erhält.

Nun aber werden auch einfache ArbeiterInnen zu Helden und Heldinnen erklärt. Ihre alltägliche Routine wird plötzlich als besondere Leistung anerkannt. Auf einmal gelten die unterbezahlten und kaum beachteten Marktschreier, KassiererInnen und die medizinisch tätigen Kräfte als „Alltagshelden der Corona-Krise“.

Was sind HeldInnen des Alltags?

HeldInnen sind Menschen, die etwas Außergewöhnliches leisten, das großen Mut oder große Aufopferungsbereitschaft erfordert. Es sind Menschen, die die eigene Unversehrtheit riskieren oder sich opfern, um Anderen zu dienen, wo manche aus Ohnmacht oder Gleichgültigkeit untätig bleiben oder vor Angst sogar fliehen. Es sind daher besonders beachtete Menschen, die als Vorbilder zur Nachahmung motivieren oder als unnachahmliche Übermenschen verehrt werden.

Alltagshelden sind ebensolche Helden und Heldinnen, die man durchaus nebenan antrifft. Sie wurden nicht im Labor gezüchtet wie Captain America und Spiderman. Sie haben keine Superkräfte wie Wonder Woman oder Jessica Jones.

HeldInnen des Alltags zeichnen sich als besondere Menschen aus, indem sie in unserem normalen Tagesgeschäft Bewundernswertes leisten. So auch die „Alltagshelden der Corona-Krise“.

Aber warum werden sie ausgerechnet jetzt so großspurig zu „Helden und Heldinnen“ erklärt?

Das System“ – welches System?

Diese einfachen ArbeiterInnen werden nicht nur als „HeldInnen“, sondern als „systemrelevant“ herausgestellt. Aber nirgends wird erklärt, was damit eigentlich gemeint ist. Der Elefant im Raum ist die Frage: „Relevant“ für welches „System“?

Ist etwa das marode Gesundheitssystem gemeint, das seit Jahrzehnten kaputtgespart wurde? Unser gemeingefährlicher „Gesundheitsminister“ wollte es noch vor kurzem zu Tode sparen. – Das Gesundheitssystem kann also nicht gemeint sein.

Auch hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Hartz 4-System nicht abgeschafft, sondern noch verschlimmert. Die RentnerInnen protestierten zuletzt sogar gegen ihre Altersarmut! Das Sozial- und Rentensystem kann also auch nicht gemeint sein.

Natürlich ist das kapitalistische System gemeint, wenn von „systemrelevanten“ Berufen die Rede ist. Dieses System wird in den Medien deswegen ungern als kapitalistisch bezeichnet, weil der Begriff untrennbar mit den Ideen von Karl Marx verbunden ist. Und tatsächlich zeigt gerade die Corona-Krise wie kaum etwas Anderes, dass Marxens Ideen brandaktuell sind:

Deutschland steckt seit über einem Jahr in einer Rezession.  Auch der Rest der Welt befindet sich bereits in einer Wirtschaftskrise, die als die „schlimmste aller Zeiten“ bezeichnet wird.

Die schlimmste Wirtschaftskrise aller Zeiten? Teil 1

Viele Betriebe mussten bereits vor Monaten ihre Produktion einschränken. Wir befinden uns in einer Wirtschaftskrise, wie sie typisch für das kapitalistische System ist. Die Verlierer solcher Krisen sind immer die einfachen Menschen. Und die größten Kapitalisten sollen wieder als Gewinner hervorgehen. Einige Ökonomen schieben das alles auf das Virus und sprechen von einer „Corona-Rezession“, um diese Tatsache zu verschleiern.

Deswegen wird von „systemrelevanten“ Berufen geredet, aber nicht von „kapitalismus-relevanten“ Berufen. Und deswegen werden die „systemrelevanten“ ArbeiterInnen ausgerechnet jetzt zu „Heldinnen und Helden“ erklärt. Sie sollen sich heldenhaft aufopfern, ihre körperliche Unversehrtheit riskieren, sich selbstlos „für die Gesellschaft“ einsetzen und fleißig weiterarbeiten, wo Andere zuhause bleiben müssen. Letztlich sollen sie den Kapitalisten den Profit und die staatliche Ordnung sichern.

Meinungsmache und still leidende „Helden“

Die „AlltagsheldInnen der Corona-Krise“, die weiterhin mit hohem Infektionsrisiko arbeiten müssen, sollen still vor sich hin leiden. Der Heldenstatus soll sie davon abhalten, das kapitalistische System zu hinterfragen und ihre Interessen als ArbeiterInnen zu verfolgen, während man ihre Rechte und Gesundheit mit Füßen tritt. Ein nettes Gespräch oder ein Blumenstrauß sollen das wieder ausgleichen.

Auf keinen Fall sollen sie die Gunst der Stunde nutzen, um ihren Bossen die Meinung zu sagen. Auf keinen Fall sollen sie laut werden oder gegen die plötzliche Einführung des Polizeistaates demonstrieren. Auf keinen Fall sollen sie die Arbeit boykottieren, wenn ihre eigene Gesundheit riskiert wird.

Nein, das wäre wirklich unangebracht – sagt man uns. Man erzählt uns, dass das ganz furchtbar dumm und gemeingefährlich wäre. Das wäre geradezu „systemschädigendes Verhalten“. Und das soll es nicht geben.

Deswegen muss es eine mediale Kampagne geben, die uns erklärt, was wir tun dürfen und was wir tun müssen. Die mediale Hetze hat es bereits nach zwei Wochen geschafft, dass Fußgänger als „Gefährder“ verunglimpft werden. Menschen, die im Supermarkt zu nah an andere heranrücken, wurden bereits als „Massenmörder“ beschimpft. Menschen, die vor der Beschneidung unserer politischen Rechte warnen, werden als „Verschwörungstheoretiker“ diffamiert.

Ohne die beispiellose mediale Kampagne, die wir gerade erleben, wäre es für den Staat unmöglich, unsere Interessen so schnell beiseite zu schieben. Ohne Panikmache einerseits und Heldenkult andererseits wäre es unmöglich, uns dazu zu ermuntern, es auch noch freiwillig mitzumachen. Genau dazu dienen die staatstragenden Medien. Sie sollen uns zum Mitmachen bewegen, wenn man Politik gegen uns alle macht.

Sie verlangen natürlich loyale und still leidende „HeldInnen“, die dabei tatenlos zusehen, wenn der Staat und die Unternehmen uns für den Profit opfern, während den Großkonzernen mehrere Billionen Euro als Rettungsschirm gewährt werden.

Unsere Perspektive: Laute Alltagshelden und -heldinnen!

Wenn der Philosophieprofessor oder der Anwalt im Homeoffice arbeiten, dann ist das kein Drama. Sie müssen nicht zu Helden ernannt werden, da sie im Falle eines Streiks keine Gefahr für „das System“ darstellen.

Wenn aber die Fließbandarbeiterin, die Kassiererin oder die Pflegerin gerade jetzt streiken würden, würde das ganze Konzerne in die Knie zwingen oder berechtigte Aufstände bewirken. Daher fürchtet man ihre Macht besonders und diffamiert sie, wo es nur geht.

Die Wahrheit wird völlig verdreht: Nicht die Arbeit für Betriebe, in denen „systemrelevante“ ArbeiterInnen zusammengepfercht sind, sondern die ArbeiterInnen, die sich dagegen wehren und Gesundheit einfordern, seien gemeingefährlich! Laute und mutige Menschen, die sich gegen diese Heuchelei wenden, werden als Kriminelle abgestempelt.

Wer dieses staatliche Vorgehen in der Öffentlichkeit kritisiert, wird bereits von der berüchtigten „Corona-Polizei“ verfolgt. Demnächst verprügeln sie uns noch, um unsere Gesundheit zu verteidigen. Allzu weit hergeholt ist das nicht. In Bayern drohen die Polizisten schon mit „harten Strafen“, wenn man „ohne plausiblen Grund“ alleine spazieren geht… All das, um unsere Gesundheit zu schützen. Angeblich.

Laute, selbstbewusste, widerständige Helden und Heldinnen sind unseren Meinungsmachern ein Graus. Gerade die streikenden ArbeiterInnen von Amazon sollten unsere HeldInnen und Vorbilder sein. Sie können – wenn sie weiterhin mutig und geeint sind – den übermächtigen Amazon-Konzern bezwingen und ihre Rechte erkämpfen. Sie haben die geheuchelte Sorge um die Gesundheit der ArbeiterInnen bereits entlarvt.

Vielleicht inspirieren sie mehr von uns, wirklich heldenhaft, mutig und aufopferungsvoll zu sein. Vielleicht werden mehr von uns zu lauten und mutigen HeldInnen, die sich gegen die großen Ausbeuter wenden.

Unsere Perspektive muss es jetzt sein, die Heuchelei in den Medien und in der Politik zu entlarven und für unsere Interessen zu kämpfen, wo man versucht, aus uns still leidende „HeldInnen“ und gehorsame UntertanInnen zu machen.


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