Die Bio-Kette „Alnatura“ stellt sich in offiziellen Internetauftritten als grün und humanistisch dar. Doch nun kursiert in sozialen Medien eine Arbeitsanweisung, welche die Leiharbeitsfirma Kötter gegenüber den von ihr in Alnatura-Märkten eingesetzten ArbeiterInnen äußerte. In einem harschen Umgangston fordert die Firma darin auf, schneller zu arbeiten, sonst würde „ausgetauscht“. Auch wenn sich das „böse“ anhöre, so seien „die Regeln“. Mittlerweile haben Alnatura und Kötter offiziell reagiert.

„Ab morgen habt ihr noch 3 std pro Palette ! Die sich nicht dran halten können, werden schnell möglichst ausgetauscht. Hört sich böse an aber tut mir sehr leid. So sind die Regeln. Ihr seid alle gut, aber bei einigen fehlt die Schnelligkeit“. Diese Nachricht erhielten MitarbeiterInnen einer Kölner Leiharbeitsfirma ausgerechnet am Abend des 1.Mai, dem Tag der Arbeit, per WhatsApp. Sie sind in verschiedenen Kölner Märkten der Bio-Markt-Kette Alnatura eingesetzt.

Veröffentlicht wurde die Nachricht vom „Solidaritätsnetzwerk Köln“ auf seiner Facebook-und Twitter-Präsenz. Das Solidaritätsnetzwerk ist laut Selbstverständnis „ein Zusammenschluss von ArbeiterInnen, Arbeitslosen, Frauen, MigrantInnen und Jugendlichen zur gemeinsamen Verteidigung und Durchsetzung unserer Interessen und Rechte.“

Wie das Solidaritätsnetzwerk mitteilt, habe sich eine Mitarbeiterin der Leiharbeitsfirma Kötter mit der WhatsApp-Nachricht an sie gewandt. Die Selbsthilfe-Organisation formulierte daraufhin drei Forderungen: „Stellungnahme durch Alnatura zur Ansage der Leiharbeitsfirma; Rücknahme der Erhöhung der Arbeitsintensität; Gefahrenzulage für die KollegInnen, die gerade trotz Corona weiter arbeiten.“

Alnatura und Kötter reagieren

Zumindest auf die erste Forderung ist Alnatura mittlerweile eingegangen. So erklärte das Unternehmen in einem Tweet, dass es die Vorwürfe „sehr ernst“ nähme und auch den Dienstleister zur Stellungnahme aufgefordert habe. Dieser sei „vertraglich verpflichtet, die Mitarbeiter fair zu behandeln“. Eine Kündigungsandrohung sei inakzeptabel und werde von Alnatura nicht geduldet.

Auf Nachfrage von Perspektive Online äußerte sich Alnatura weitgehend, was tatsächlich mit der Firma Kötter vertraglich vereinbart sei: Bezahlung nach Tarif, die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, der tariflich vorgeschriebene Urlaubsanspruch, die Zahlung des gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohns.

Die geschilderten Vorkommnisse gehörten „definitiv nicht zu einem fairen Umgang“, weshalb bald ein „klärendes Gespräch mit der Firma Kötter“ geführt werde. Auf die Rücknahme der Arbeitsanweisung zur Erhöhung der Arbeitsintensität sowie auf die Frage der Gefahrenzulage wurde derweil von Alnatura noch nicht eingegangen.

Auch die Firma Kötter äußerte sich gegenüber Perspektive zu dem Vorfall. So würde die Kommunikation weder den Führungsgrundsätzen noch dem Verständnis eines wertschätzenden Miteinanders von Kötter entsprechen. Der Vorfall werde geprüft und Konsequenzen würden gezogen. Bisher sind keine solche bekannt.

Auf die Nachfragen von Perspektive, ob die Anweisung zur Erhöhung der Arbeitsintensität von Alnatura oder von Kötter gekommen sei und ob Kötter eine Gefahrenzulage wegen Corona plane, äußerte sich die Leiharbeitsfirma hingegen nicht.

Kein Einzelfall?

Unter dem Facebook-Post des Solidaritätsnetzwerk Köln hat sich derweil eine rege Diskussion entspannt. Dort äußern auch andere NutzerInnen ähnliche Erfahrungen, sowohl mit Alnatura als auch mit der Firma Kötter.

Eine Nutzerin schreibt: „Reden während dem verräumen der Ware, obwohl es nicht privat war und der Laden noch geschlossen hatte, war verboten. Auf Toilette gehen nur, wenn die Chefin Lust hatte…“, sie sei direkt bei Alnatura angestellt gewesen.

Bezüglich Kötter äußert ein anderer User: „So liefs bei mir über Kötter auch bei ups am Flughafen Köln, immer mehr Pensum, immer mehr Pakete in kürzerer Zeit. Jeden Tag eine Ansage wie diese. Und dann konnten bei deutlich gesteigertem Pensum schön die Stunden reduziert werden. Auf Nachfrage, weil das ja nun mal so gar nicht mehr nach Vereinbarung lief: ‚Sei doch froh, dass du nicht so lange arbeiten musst. Und es ist ja auch ein gutes work out. Sparst ja das Fitness Studio, musst du auch mal so sehen.‘ Ja vielen Dank“.


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