Die durch Corona verschärfte Wirtschaftskrise hat Millionen Menschen weltweit in Arbeitslosigkeit und noch krassere Armut gestürzt. KapitalistInnen trösten uns mit Optimismus. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Egal ob wir in Kurzarbeit stecken, im Supermarkt gefühlt doppelt soviel arbeiten oder uns zuhause mit Home Office und Kindern die Decke auf den Kopf fällt: Wie eine „wunderbare Revolution“ fühlt sich die aktuelle Krise wohl für die wenigsten von uns an.

Genau so sieht es aber Ray Dalio, einer der erfolgreichsten Investoren und Hedgefonds-Manager der Welt, in einem Interview mit der Financial Times. Der Grund, warum er diese Krise „wunderbar“ findet, während uns Zukunftsängste plagen, ist simpel. Er ist ein Kapitalist. Seine Probleme sind ganz andere als unsere.

Was genau er und andere Vertreter seiner Klasse aber so gut an dieser Krise finden, sollte man sich zu Gemüte führen, denn für uns ist es eigentlich nie ein gutes Zeichen, wenn sie sich freuen.

Der Abschwung soll „relativ kurz“ sein

Eine Krise im Kapitalismus heißt, dass Kapital vernichtet wird und zwar in unvorstellbarem Ausmaß. Die Märkte sind zu eng geworden, die Kapitalisten kriegen ihre Waren nicht mehr los, weil wir sie uns nicht leisten können. Die Krise ist eine Art Entscheidungsschlacht unter ihnen, viele Unternehmen gehen pleite und machen Platz für die Verbliebenen, dann endet die Krise irgendwann.

Wenn Dalio sagt, der Abschwung soll „relativ kurz“ sein, meint er, dass dieser Prozess relativ schnell von statten geht. Anders als für Dalio heißen aber viele Unternehmenspleiten für uns nicht, dass sich unsere Position in der „Konkurrenz“ verbessert, sondern dass wir arbeitslos werden.

Eine „wunderbare Revolution“?!

Dalio rät uns auch in anderer Hinsicht, das „Positive“ zu sehen. Er erwartet eine technologische Revolution unter dem Stichwort „Digitalisierung“ in den nächsten drei bis fünf Jahren und findet, dass die BürgerInnen da ruhig etwas mehr Begeisterung zeigen könnten: „Ich denke, wir sollten uns sehr auf die neue Zukunft freuen.“

Tatsächlich bedeutet jede wirtschaftliche Krise technologische Erneuerung, da altes Kapital vernichtet wird und am Ende der Krise neue Investitionen getätigt werden. Tatsächlich liegen diverse Pläne der UnternehmerInnen schon seit langem in der Schublade und werden nun beschleunigt umgesetzt.

Die Abschaffung des Bargelds

Das Bargeld abzuschaffen ist schon häufiger in der Diskussion gewesen. In den letzten Jahren gab es mehr oder weniger vorsichtige Vorstöße. Erst wurde der 500€-Schein abgeschafft und zuletzt die Abschaffung der 1- und 2-Cent-Münzen ins Spiel gebracht.

In anderen Ländern auf der Welt wie England oder China wird bereits deutlich mehr bargeldlos bezahlt. Das wünschen sich unsere Herren auch für Deutschland. Kein Bargeld bedeutet Kontrolle über das zirkulierende Geld. Wenn durch einmalig niedrige Zinsen oder eine möglicherweise bevorstehende massive Inflation die Menschen ihr Geld in Sicherheit bringen wollen, ginge das schlechterdings nicht, wenn das Bargeld vorher abgeschafft worden wäre.

Bargeld abschaffen heißt aber auch, dass unser ganzes Geld auf einem Bankkonto liegt. Was macht die Bank damit? Sie investiert und verleiht es an andere KapitalistInnen weiter. Ohne Bargeld wird unser Erspartes ebenso wie unser Monatseinkommen erzwungenermaßen in Kapital verwandelt, ob wir wollen oder nicht.

Endlich von zu Hause aus arbeiten?!

Auch Heiner Thorborg – nach Meinung des Manager Magazins einer der „profiliertesten Personalberater“ in Deutschland – kann der Krise viel Positives abgewinnen. Die Einführung von Home Office in vielen Branchen hat aus seiner Sicht große Vorteile – natürlich vor allem für die Beschäftigten: Denn wer will sich schon durch den Berufsverkehr quälen, wenn er zuhause ein „voll funktionsfähiges“ Büro hat?

Es ist zu hoffen, dass eine kritische Zahl von Bürobeschäftigten früh genug erkennt, was hier gespielt wird. Thorborg schreibt auch, statt Arbeitszeiten zu kontrollieren würde man zukünftig nur noch Produktivität, Output und Zielerreichung messen, um die Leistung der MitarbeiterInnen zu beurteilen. Zu Ende gedacht heißt das: Wer seinen Job behalten will, hat nicht nach 8 Stunden Feierabend, sondern dann, wenn die vom Unternehmen gewünschte Arbeit geschafft ist.

Dass nun endlich auch „weibliche Führungskräfte“ Karriere machen können, weil sie ja gleichzeitig Kinder erziehen und ihrem Job nachgehen können, ist sowohl zutiefst patriarchales Denken als auch zynisch – man möge hierzu einfach mal den  Hashtag #CoronaEltern verfolgen.

Home Office findet Thorborg auch deshalb gut, weil Kosten für Geschäftsreisen, Firmenwagen und Büroräume eingespart werden können. Während die ersten beiden Punkte sowieso meist ein Privileg für leitende Beschäftigte war, bedeutet der Punkt der Büroräume tatsächlich eine massive Einsparmöglichkeit für die Unternehmen und zusätzliche Kosten für uns.

Denn: Sollte das Home Office wirklich ein so natürlicher Teil der Arbeitskultur werden, wie es sich Thorborg wünscht, ist es wohl in ein paar Jahren selbstverständlich, dass wir unsere „Büroräume“ zuhause selbst ausstatten, die Computer bezahlen und in Stand halten, sowie den Strom zahlen. Ganz abgesehen davon, dass so manch eine/r wohl in eine größere und teurere Wohnung ziehen müsste, wenn er/sie wirklich zu konzentrierter Arbeit fähig sein soll.

Wenn sie sich freuen, müssen wir uns wehren

Wie leider üblich gilt: Wir müssen misstrauisch sein bei allem, was uns freudig als Errungenschaft und Maßnahme zur Verbesserung unserer Lebensqualität verkauft wird. Aus den genannten Gründen gilt es Widerstand gegen die Projekte zu entwickeln, die die Kapitalisten in Deutschland und weltweit durchsetzen wollen.

Zurück zu Dalio. Er rät uns väterlich, die Krise lieber in einem „breiten historischen Kontext“ zu betrachten und vergleicht die jetzige Krise mit der von 1929.

Damit gibt er uns unbewusst den einzig sinnvollen Tipp: Große Krisen wie die von 1929 und 2020 haben nämlich nicht technologische Revolutionen mit sich gebracht, sondern zunächst vor allem massiv verschärfte Konkurrenz unter den kapitalistischen Großkonzernen. 1929 hat dies unter anderem in den Faschismus und die Hölle des 2. Weltkriegs geführt.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.