Indiens Regierung hat über 1.000 amerikanischen Firmen Umzugsangebote für ihre Produktionsstandorte unterbreitet. Der Schwerpunkt liegt auf Unternehmen für Medizintechnik und Autoteilen. Die Covid-19-Pandemie und Wirtschaftskrise haben Tendenzen zur Neustrukturierung der Weltwirtschaft beschleunigt.

Mitten in der Covid-19-Pandemie nimmt der Kampf um die Neuverteilung von Produktionsstandorten Fahrt auf. Die indische Regierung hat im April mehr als 1.000 US-amerikanischen Firmen Angebote unterbreitet, um ihre Industriefertigung von China nach Indien zu verlagern. So berichtet Bloomberg unter Berufung auf anonyme Quellen im indischen Staatsapparat. Der Schwerpunkt liege auf Unternehmen in den Industrien für Medizintechnik, Lebensmittelverarbeitung, Textilien und Autoteile. Insgesamt gehe es in den Gesprächen um mehr als 550 verschiedene Produkte.

Die Initiative Indiens ist kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten haben eine Reihe von Staaten angekündigt, ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu reduzieren. Anfang April hat Japans Regierung 2,2 Milliarden Dollar Unterstützung für heimische Firmen angekündigt, die ihre Fabriken aus dem Nachbarland abziehen. Auch in der EU ist die Diskussion über eine Neuordnung der industriellen Produktionsketten im vollen Gange. Bundeswirtschaftsminister Altmaier etwa wünscht sich eine „größere Unabhängigkeit“ der europäischen Wirtschaft in Bezug auf medizinische Schutzausrüstung und pharmazeutische Grundstoffe – aber auch auf die Digitalisierung, die durch die Krise „einen Schub verliehen bekommen habe“.

Neuordnung der weltweiten Industrieproduktion

Tatsächlich geht es bei der Frage der industriellen „Unabhängigkeit“ bei weitem nicht nur um medizinische Produkte, und auch nicht allein um China. Zwar hatte der Corona-Shutdown der Stadt Wuhan die Abhängigkeit der Welt von chinesischen Arzneigrundstoffen – sowie Autoteilen und Glasfaserkabeln – offen gelegt. Der Trend zu einer Neuordnung der internationalen Produktion zeichnet sich jedoch bereits seit mehreren Jahren ab. So berichtete der Economist schon im Juli 2019 über eine Analyse des „McKinsey Global Institute“, einer Forschungseinrichtung der Unternehmensberatung McKinsey. Demnach hätten sich die weltweiten Zulieferketten in 16 von 17 großen Industrien seit der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 „zusammengezogen“, also zunehmend auf bestimmte Regionen konzentriert. Zwischen 2007 und 2017 sei der Anteil von Exporten im Rahmen dieser Lieferketten von 28,1 auf 22,5 Prozent zurückgegangen. Der größte Rückgang im Handelsanteil an den Lieferketten sei demnach in der Textilindustrie, der Auto- und der Elektronik-Industrie zu verzeichnen gewesen.

Weltwirtschaft: Coronavirus legt Produktionsketten lahm

Hintergrund dieser Entwicklung seien insbesondere steigende Löhne in China und an anderen Produktionsstandorten, wodurch ihre Bedeutung als Absatzmärkte gewachsen sei. Die Produktion konzentriere sich nun tendenziell stärker um die großen Absatzmärkte. Die Bedeutung der Geschwindigkeit sei gegenüber den reinen Produktionskosten gewachsen.

Konkurrenzkampf zwischen den USA und China

Durch die Covid-19-Pandemie und die Weltwirtschaftskrise wird diese Entwicklung erkennbar beschleunigt. Hier spielt auch der immer erbitterter ausgetragene Konkurrenzkampf zwischen China und den USA eine wichtige Rolle: Ende April kündigte US-Außenminister Pompeo an, dass die USA mit ihren „Freunden“ Indien, Australien, Japan, Neuseeland, Südkorea und Vietnam über eine Neuordnung ihrer Lieferketten verhandeln würden. Es gehe darum, zu verhindern, dass „so etwas wie jetzt jemals wieder passieren“ könne.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass die Trump-Regierung ein „Netzwerk des wirtschaftlichen Wohlstands“ (Economic Prosperity Network) mit ausgewählten Partnerländern aufbauen wolle. Die Bemühungen der USA, industrielle Lieferketten von China zu entkoppeln, würden nun auf „Turbolader“ geschaltet.

Laut Einschätzung von Derek Grossman von der „RAND Corporation“, einem Think Tank zur Beratung des US-Militärs, würde vor allem Indien und Vietnam eine hohe Bedeutung in einem solchen Netzwerk zukommen. Die Avancen der indischen Regierung gegenüber US-Firmen dürften vor diesem Hintergrund erfolgversprechend sein. Indiens Premierminister Narendra Modi kann wirtschaftliche Erfolgsmeldungen derweil gut gebrauchen: Im Zuge der Krise haben 122 Millionen Inder ihre Jobs verloren.

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