Nach unserer ersten Berichterstattung über die Entstehung des Corona-Hotspots in einer Sammelunterkunft für Geflüchtete in Sankt Augustin gab es ein breites Echo vom städtischen Krisenstab über die Bezirksregierung bis hin zur Lokalpresse. Während es dabei vor allem um kleine Verbesserungen geht, wird der wichtigste Aspekt außer Acht gelassen: Die Notwendigkeit dezentraler Unterbringung. – Ein Kommentar von Leon Hamacher

Es hat nur wenige Stunden gedauert und schon nahm der Leiter des Krisenstabs, ein SPD-Politiker, Stellung zu den Ergebnissen unserer Recherchen. Eine Zusammenfassung könnte sein: Es gäbe zwar viele Baustellen, aber an allen würde gearbeitet werden. Was er hier nicht verstanden hat: Der Artikel hat die Frage behandelt, wie es zu dem Hotspot kommen konnte, und hatte mitnichten die Absicht, Reformen des Krisenstabs in Frage zu stellen.

[Video] Katastrophale Zustände: So verbreitet sich Corona in der Geflüchtetenunterkunft in Sankt Augustin

Tatsächlich gab es wohl einige positive Änderungen: so wurden angeblich mehr Mülleimer bestellt und die Reinigungszyklen erhöht. Anderes wiederum ist Augenwischerei, zum Beispiel die „Klarstellung“, dass es Powerbanks gäbe, die die Handy-Ladesituation verbessern sollen – sie müssen jedoch an selber Stelle aufgeladen werden wie zuvor die Handys.

Im Folgenden möchte ich nicht Erklärungen oder Artikel von PolitikerInnen und Lokalpresse zerpflücken. Ich werde auch keinen Stellungnahmen-Kleinkrieg beginnen, in dem es darum geht, wie (wenig) sinnvoll diese oder jene kleine Änderung ist.

Stattdessen soll die Diskussion einen Schritt weitergebracht werden:

Der Leiter des Krisenstabs beginnt sein Statement mit folgenden Worten: „Vorab möchte ich betonen, dass ich aus integrationspolitischer und auch pandemiebedingten Gründen generell kein Freund von großen Gemeinschaftseinrichtungen bin. Eine dezentrale Verteilung mit kleinen Wohngruppen/Familien ist immer förderlicher. Aber das ist eine andere Thematik, die schon seit Jahren erörtert wird.“ Da wo sein großes „aber“ kommt, sollte die Diskussion eigentlich erst anfangen, nicht enden.

Sammelunterkünfte sind unmenschlich

Der eigentliche Punkt hierbei ist nämlich: Große Sammelunterkünfte sind unmenschlich und eine Zumutung für BewohnerInnen, AnwohnerInnen und in ihnen Beschäftigte – und das nicht nur während einer Pandemie.

Ein weiterer wahrer Punkt, den der Krisenstabs-Leiter in seiner Stellungnahme aufführt, ist, dass die vor Ort Beteiligten vor einer unmöglichen Aufgabe stehen:
Mehr Mülleimer, mehr sanitäre Einrichtungen, mehr Reinigung und dezentrale Stromzufuhr hätten zwar das Potential gehabt, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, aber keine Reform der Welt kann dafür sorgen, dass in einer solchen Unterkunft kein enormes Ansteckungsrisiko besteht.

Dass es in so großen Unterkünften während einer Pandemie zu Problemen kommt, sagt einem nicht nur der gesunde Menschenverstand, sonder es gab auch schon vor Sankt Augustin eindrückliche und warnende Beispiele dafür, so zum Beispiel die ZASt Halbersstadt oder die ZASt in der Bremer Lindenstraße.

Spätestens nach diesen Erfahrungen hätten sich alle Ebenen um die Auflösung solcher Lager und die dezentrale Unterbringung aller BewohnerInnen kümmern müssen.
Da zählt auch kein Verweisen von der kommunalen- auf die Landesebene. Solange es keine wirklichen Anstrengungen gab, um diese zur Umsetzung zu bewegen, bleibt jede dieser Ebenen mitverantwortlich.

Reaktion der Betreiberfirma

Spannend ist in dieser Angelegenheit der Kommentar der Betreiberfirma „ORS Deutschland GmbH“ unter dem Video zum Artikel auf der Plattform YouTube, der folgendermaßen beginnt: „Wir bedauern, dass mit solchen Fotos und Videos Stimmung gegen das Betreuungs- und Reinigungspersonal gemacht wird.“

Dieser Vorwurf ist nur schwer nachzuvollziehen: nicht nur, weil den Beschäftigten keine Vorwürfe gemacht werden. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass der Konzern selbst die Gesundheit der Beschäftigten nicht zur Priorität macht.

Die 13 infizierten MitarbeiterInnen hätten schließlich auch von dezentraler Unterbringung profitiert, fünf von ihnen sollen sogar – wieder infiziert – weiterarbeiten.
Dass diese Praxis nicht nur bei der ORS Deutschland GmbH vorkommt, macht es nicht weniger fragwürdig, Menschen – auch wenn sie (noch) keine Symptome zeigen – krank dem normalen Arbeitsdruck auszusetzen.

Dezentrale Unterbringung – nicht nur in der Pandemie

Aber auch außerhalb eines Pandemie-Szenarios sind solche Riesen-Unterkünfte keine menschenwürdige Unterbringung. Keine eigene Küche, keine eigene Dusche, kein eigenes Zimmer. Insgesamt: keinerlei Rückzugsraum oder Privatsphäre, die ständige Konfrontation mit fremden Menschen, durchgehende Kommunikationsschwierigkeiten.

Zu dieser eigenen Belastung kommt auf dem engen Raum die zwangsweise Auseinandersetzung mit Traumata, Depressionen und anderen psychischen Krankheiten der MitbewohnerInnen, die durch die Fluchterfahrungen oft vorprogrammiert sind. Auch ein harmonisches Zusammenleben ist so nicht immer möglich. Auch die Betreuung für alte und kranke Menschen kann in diesem Rahmen nicht ausreichend gewährleistet werden.

Keine Bleibeperspektive

In Sankt Augustin kommt noch hinzu, dass es wegen der verhandelten Dublin-Verfahren für den größten Teil der BewohnerInnen keine Bleibeperspektive gibt.
Trotzdem müssen sie dort über Monate in völliger Ungewissheit ihrer weiteren Zukunft ausharren, können nicht arbeiten oder eine Ausbildung machen. Langeweile, Frust und Aggression sind in diesem Zusammenhang nicht nur nachvollziehbar, sondern vor allem vermeidbar. Aber hier soll auch keine kosmetische Änderung an der unmenschlichen deutschen Abschiebepraxis gefordert werden.

Um auf die anfängliche These zurückzukommen: Das, was jetzt umgesetzt werden muss, ist die dezentrale Unterbringung aller BewohnerInnen! Einige wurden schon in eine Jugendherberge verlegt. Auch für den Rest könnte der pandemiebedingte Leerstand dieser oder anderer „Herbergen“ eine gute Übergangsgelegenheit sein, bis es langfristige Lösungen gibt.


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