Im Zuge von Protesten der Bewegung „Black Lives Matter“ hat sich in Seattle ein selbstverwalteter Stadtteil gebildet. Frei von Polizei und Unterdrückung wollen die BesetzerInnen beweisen, dass sie eine alternative Gemeinschaft aufbauen und organisieren können.

Im äußersten Nordwesten der USA liegt die Stadt Seattle im Bundesstaat Washington. Auch hier kam es zu Protesten gegen Polizeigewalt und die Tötung von George Floyd. Während der Auseinandersetzungen zwischen DemonstrantInnen und der Polizei mussten die Sicherheitskräfte eine örtliche Polizeistation räumen und sich aus einem Teil der Innenstadt zurückziehen. Die unverschlossene Polizeistation konnte übernommen und angrenzende Straßen konnten besetzt werden.

Das selbstverwaltete Gebiet trägt nun den Namen „Capitol Hill Autonomous Zone“ (CHAZ) und zieht sich über zwei parallel liegende Straßen, einen Teil des Cal Anderson-Parks und ein Baseballfeld, es umfasst rund fünfhundert Wohnhäuser. Die Eingänge zum CHAZ sind durch kleinere Barrikaden geschützt, Schilder begrüßen Neuankömmlinge und verweisen auf den neu geschaffenen Freiraum.

Neben mehreren Gesundheitsstationen existieren Anlaufstellen, die Essen in großem Umfang ausgeben, und es wurde ein eigenes Müllsammel-Programm ins Leben gerufen. Abends werden auf Leinwänden Dokumentationen gezeigt und politische Diskussionen geführt.

Radikaler Forderungskatalog

Die BesetzerInnen fordern in einem Katalog nicht die Reform, sondern die Abschaffung des örtlichen Police Departements, eine De-Gentrifizierung der Stadt, eine verstärkte Einstellung von schwarzen Beschäftigten im Gesundheitswesen und eine Überarbeitung des Lehrplans für öffentliche Schulen im Bundesstaat Washington. Hierbei soll der Schwerpunkt auf der Geschichte der Schwarzen und der amerikanischen Ureinwohner liegen.

Zusätzlich wird ein Ende jeglicher Polizeigewalt gefordert. Waffengewalt in Form von Schlagstöcken, Schilden und chemischen Waffen sollen vollständig verboten werden. Dafür haben sich auch einige Ratsmitglieder der Stadt ausgesprochen und fordern, das Budget der Polizei zu halbieren.

Feuerwehr ist in Bereitschaft

Die Bürgermeisterin von Seattle, Jenny Durkan, hat versichert, dass mehrere Einsatzkräfte der Feuerwehr außerhalb des CHAZ dafür bereitstehen, bei möglichen Bränden oder medizinischen Notfällen einzugreifen.

Für die BewohnerInnen ist die symbolische Bedeutung hingegen klar: Nach dem Rückzug der Polizei sei die Gemeinschaft nicht ins Chaos geraten, sondern es seien sichere, demokratische und autonome Räume geschafften worden. Dies sei der Beweis dafür, dass gewalttätige Polizeikräfte in ihrer Gemeinschaft nicht von Nöten seien.

Präsident Donald Trump setzte derweil die Bürgermeisterin und den Gouverneur des Bundesstaates, Jay Inslee, unter Druck, das Viertel schnellstmöglich zu räumen.


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