BMW und Galeria Karstadt Kaufhof verkündeten in den letzten Tagen den Abbau tausender Stellen in der Krise. Das dürfte nur der Anfang sein. Der Chef der IG Metall, Jörg Hofmann, sieht „hunderttausende Stellen“ in Deutschland bedroht. In einem Zeitungsinterview warnte er vor einem „Abwärtsstrudel“, in dem sich die Metall- und Elektroindustrie sowie die Stahlbranche befänden. Auch die Lage in kleineren und mittleren Betrieben ist düster. 

Die schweren Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise auf die Lage der ArbeiterInnen in Deutschland werden immer deutlicher: In der vergangenen Woche kündigte der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof die Schließung von 62 seiner 172 Filialen an. Hierdurch werden nach Angaben des Gesamtbetriebsrats 5.317 Beschäftigte ihren Job verlieren. Am Samstag legte der Konzern nach und vermeldete die zusätzliche Schließung von 20 der 30 Filialen der Kette „Karstadt Sports“. Die Fluglinie TUIfly will die Hälfte ihrer Flotte stilllegen, wodurch 900 Vollzeitstellen wegfallen könnten. Der Mutterkonzern TUI hatte bereits angekündigt, weltweit 8.000 Stellen zu streichen.

Arbeitsplatzabbau in der Autoindustrie

Volkswagen will in seiner Nutzfahrzeugsparte 5.000 Stellen abbauen und Teile seiner Fertigung nach Polen verlagern. Die Reduzierung des Personals von 15.000 auf 10.000 Stellen im Stammwerk Hannover solle in den kommenden Jahren durch „natürliche Fluktuation“ geschehen.

Auch der Autokonzern BMW verkündete am Freitag den Abbau von 6.000 Stellen. Hierauf hätten sich Unternehmen und Betriebsrat geeinigt. Der Personalabbau solle durch Nicht-Wiederbesetzung offener Stellen, eine Ausweitung der Altersteilzeit und Aufhebungsverträge realisiert werden. Betriebsbedingte Kündigungen seien ausgeschlossen, solange BMW im Gesamtjahr 2020 schwarze Zahlen schreibe.

Nicht eingerechnet bei den 6.000 Stellen sind jedoch die LeiharbeiterInnen in der Produktion und WerkvertragsarbeiterInnen in der Entwicklung, die ebenfalls „weitgehend wegfallen“ werden – das Handelsblatt schreibt von bis zu 10.000 Jobs, die damit zusätzlich über das Jahr gestrichen werden könnten. Die Überproduktionskrise trifft BMW hart. Zwar laufen die Bänder wieder und die Kurzarbeit von etwa 34.000 Beschäftigten sei weitgehend aufgehoben. Doch die Auslastung sei weiter sehr niedrig, an den wichtigsten Standorten werde nur im Ein-Schicht-Betrieb gearbeitet.

Die schlimmste Wirtschaftskrise aller Zeiten? Teil 1

 

Der Betriebsrat von Daimler befürchtet im eigenen Konzern ebenfalls einen Abbau von Arbeitsplätzen in der Produktion, wie die Stuttgarter Zeitung am Freitag berichtete. Daimler hatte zwar bereits im April angekündigt, bis zu 15.000 Stellen zu streichen. Die Produktion war hiervon jedoch bislang ausgenommen. Konkurrent Audi hatte bereits Ende 2019 den Abbau von 9.500 Stellen beschlossen. Ähnliche Pläne haben die Autozulieferbetriebe Continental, Schaeffler und Bosch angekündigt. Der Wissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Universität St. Gallen rechnet damit, dass die Wirtschaftskrise in Deutschland 100.000 Arbeitsplätze in der Auto- und Zulieferindustrie kosten werde. Die deutsche Autoproduktion könnte im Jahr 2020 um insgesamt 27 Prozent einbrechen.

IG Metall sieht „hunderttausende“ Jobs bedroht

Auch die IG Metall sieht in der Krise „hunderttausende Jobs“ in Deutschland in Gefahr. Allein durch Insolvenzen seien aktuell 150.000 Arbeitsplätze akut bedroht, wie Gewerkschaftschef Jörg Hofmann in einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung erklärte: „Die Metall- und Elektroindustrie sowie der Stahl befinden sich noch im Abwärtsstrudel. In Branchen wie dem Maschinenbau und dem Anlagenbau schlagen die Auftragseinbrüche jetzt erst richtig durch, über 20 Prozent der Betriebe haben erst im Mai oder Juni mit Kurzarbeit begonnen“. Allein in der Metall- und Elektroindustrie seien mehr als zwei Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit.

Lage in kleineren Betrieben noch völlig offen

Tatsächlich sind die Auswirkungen der Krise auf Arbeitsplätze jenseits der großen Industriekonzerne noch gar nicht abzusehen. Die kleinen und mittleren Betriebe in Deutschland rechnen laut einer Umfrage der Kreditanstalt für den Wiederaufbau mit Umsatzeinbußen von rund 250 Milliarden Euro für die Monate März bis Mai 2020. Eine Normalisierung der Geschäftslage sehen die meisten von ihnen nicht vor 2021. Trotz des Konjunkturprogramms der Bundesregierung sind viele Betriebe weiterhin akut von Zahlungsunfähigkeit bedroht: 45 Prozent der mittelständischen Betriebe hätten nur noch ausreichende Zahlungsmittel für maximal zwei Monate, sofern sich die Situation nicht verbessere.

Noch dramatischer sieht es im Gastgewerbe aus: Bei Hotels und Restaurants sind die Umsätze durch die Lockdown-Maßnahmen im April im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 75 Prozent eingebrochen. Hier waren im Mai knapp 800.000 Beschäftigte in Kurzarbeit – für viele von ihnen ist es fraglich, ob sie in ihre Jobs zurückkehren können.


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