Am 12. September 2018 kommt es zu einem Brand in der Gefängniszelle des jungen Syrers Amad Ahmad. Zwei Wochen später stirbt er an den schweren Verletzungen. Die Behörden sprechen von Selbstmord. Doch viele Fragen bleiben offen. Ein Gespräch mit Filiz und Lena von der „Initiative Amad Ahmad“.

Zuerst einmal: Wer war Amad Ahmad eigentlich? Was war er für ein Mensch?

Filiz: Amad war für mich – war für uns alle – ein ganz lieber Mensch. Er hat gerne mit meiner Tochter gespielt, er hat Kinder geliebt. Er hat auch gerne mit meinen Hunden gespielt und liebte Fußball. Er war aber auch traumatisiert, er war ja ein Kriegsflüchtling aus Syrien. Er hat viel in der Heimat erlebt, wurde gefoltert und ist nach Deutschland gekommen, um Schutz zu suchen. Das hat er auch immer wieder gesagt, dass er hier auf seine Familie wartet. Und dass er sich freut, wenn die dann auch bald rüber kommen.

In den Medien haben wir unschöne Beschreibungen von Amad gelesen. Wenn er wirklich so gewesen wäre, wie ihn die Medien teilweise dargestellt haben, hätte ich ihn im Leben nicht mit meiner Tochter spielen lassen.

„Amad wollte ein ganz normales Leben leben.“

Amad war nicht so einer, der direkt auf Menschen zugeht. Ich hab ihn im Park kennengelernt, da hab ich ihm eine Wasserflasche gegeben, er wirkte am Anfang eher schüchtern. Und erst so nach und nach, als wir uns dann so richtig kennen gelernt haben, da ist er immer mehr aufgeblüht. Er wollte ein ganz normales Leben leben.

Am 29. September im Jahr 2018 starb Amad Ahmad in einem Krankenhaus. Laut Behörden soll er sich seine Brandverletzungen selbst zugefügt haben. Wie seht ihr das?

Filiz: Amad hat immer wieder erzählt, dass er auf seine Familie wartet. Ein Mensch, der auf seine Familie wartet, der bringt sich nicht einfach in einem deutschen Gefängnis um. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, dass er aus Protest ein kleines Zeichen setzen wollte, um auf sich aufmerksam zu machen und zu sagen, hallo ich bin der Falsche, holt mich jetzt hier raus, das reicht so langsam. Weil ihn da wahrscheinlich auch niemand ernst genommen hat.

Es wurde protokolliert, dass Amad Anfang September 2018 sogar zu einer Anstalts-Psychologin gesagt hat, dass er nicht der gesuchte Mann sei, dass sie den Falschen haben. Und die Psychologin schreibt danach auch, dass es keine Hinweise auf Suizidalität gegeben hätte.

„Er kam nach Deutschland, um zu leben, nicht um sich umzubringen.“

Endlich frei gelassen wurde er trotzdem nicht. Hätte er sich selber umbringen wollen, hätte er nicht um Hilfe gerufen oder den Alarmknopf betätigt. Wir können uns das niemals vorstellen, dass er sich umbringen wollte. Niemals. Denn er kam ja nach Deutschland, um Schutz zu suchen, um zu leben, um Frieden zu suchen, nicht um sich umzubringen.

Wir finden es auch schrecklich, dass Amads Vater erst durch die Medien erfahren musste, dass sein Sohn gestorben ist. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, seine Familie zu informieren.

Zum Zeitpunkt des Brands war Amad Ahmad zu unrecht inhaftiert. Wie kam es dazu?

Lena: Amad befand sich am 6. Juli 2018 an einem Badesee in Geldern, als er inhaftiert wurde. Er konnte sich nicht ausweisen, da er nur seine Sparkassenkarte dabei hatte. Er wurde dann – nur mit seiner Badehose bekleidet – mit auf die Wache in Geldern genommen. Was dann genau und aus welchen Gründen passiert sein soll, ist für uns mehr als widersprüchlich. Zu diesen offenen Fragen hat „NSU Watch NRW“ sehr ausführliche Beiträge geschrieben, die sich wirklich lohnen zu lesen.

Wir haben nie daran geglaubt, dass Amad einfach so „verwechselt“ werden konnte. Fest steht aber, dass Amad auf Grundlage eines Haftbefehls inhaftiert wurde, der nicht ihm galt. Aufmerksamen Beamt*innen hätte das auffallen müssen. Fest steht auch, dass ihm zunächst keine Übersetzung oder anwaltliche Unterstützung ermöglicht wurde.

Vor Kurzem wurde dann bekannt, dass der Polizist Frank G. aus Geldern drei Wochen nach Amads Verhaftung informiert wurde, dass Amad nicht der mit Haftbefehl gesuchte Mann sei. Passiert ist aber wieder nichts. Gegen Frank G., der diese Information auch im Untersuchungsausschuss zunächst verschwiegen hatte, wird nun ermittelt.

Amad Ahmad verbrannte in Gefängniszelle – Polizei wusste schon früh von Verwechslung

Wie sieht es mit der juristischen Aufklärung aus? Und was erwartet ihr vom derzeit laufenden Untersuchungsausschuss?

Lena: Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen sechs weitere Polizeibeamt*innen wegen Freiheitsberaubung wurden im November 2019 eingestellt. Das war für uns und auch für Amads Eltern ein unglaublicher Skandal. Anstatt sich der Verantwortung zur lückenlosen Aufklärung der extralegalen Inhaftierung und den Umständen von Amads Tod zu stellen, ist den Behörden die Abwehr jeglicher Kritik wichtiger.

Diese Abwehrmechanismen lassen sich immer wieder beobachten. Daran ändert auch ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss nichts, in dem vor allem parteipolitische Scharmützel ausgetragen werden.

Wir vertrauen nicht darauf, dass es auf diese Weise nennenswerte Konsequenzen oder gar Aufklärung geben wird. Denn rassistische und potentiell tödliche Polizeigewalt, vor allem gegenüber migrantischen und schwarzen Menschen, ist ein systematisches und strukturelles Problem, keine tragische Ausnahme.

Um daran etwas zu ändern, bräuchte es zunächst ein Problembewusstsein innerhalb der Behörden. Die aktuellen Debatten lassen uns weiter daran zweifeln.

In ganz Deutschland waren Zehntausende nach dem Tod von George Floyd auf den Straßen. Spürt ihr die selbe Aufmerksamkeit, wenn es um Fälle in Deutschland geht?

„Rassismus ist in letzter Zeit wirklich schlimmer geworden“

Filiz: Wir freuen uns, dass das Thema Rassismus und rassistische Polizeigewalt nun mehr in den Medien ist. Es ist wichtig, dass das den Leuten bewusst wird. Wir hätten uns vor zwei Jahren aber viel mehr Aufmerksamkeit für den Fall von Amad gewünscht. Auf unserer Demo in Geldern war kaum jemand aus der Stadt dabei.

Und ich sag ganz ehrlich, Rassismus ist in letzter Zeit wirklich schlimmer geworden, vor allem im Alltag. Auch die Probleme mit der Polizei in Geldern sind nicht weniger geworden, die sind eher mehr geworden. Ich dachte erst nach der Sache mit Amad, dass die daraus gelernt hätten – aber nein, im Gegenteil. Es geht weiter.

Aber Amad war ja auch nicht der Einzige, der in Deutschland durch die Behörden sein Leben verloren hat. Für all diese Fälle, für jeden einzelnen Menschen, bräuchte es viel mehr Aufmerksamkeit und Empörung.

Familie von Mohamed Idrissi: „Ob er anders behandelt worden wäre, wenn er nicht dunkelhäutig gewesen wäre?“

Der Anwalt der Familie, Eberhard Reinecke, spricht im Fall von „institutionellem Rassismus“. Wie seht ihr das?

Lena: Wir teilen diese Einschätzung. Amad wurde schon vor seiner unrechtmäßigen Verhaftung wie als Mensch 2. Klasse behandelt. Und trotz der vielen kleinen Hinweise darauf, dass Amad ab Juli 2018 unschuldig in der JVA Kleve einsaß, sah niemand der Verantwortlichen Handlungsbedarf, nach dem Motto: man wird wohl schon den Richtigen eingeknastet haben. Wäre das auch einem weiß-deutschem jungen Mann der Mittelschicht so ergangen? Und all das ist Rassismus und der ist für Amad tödlich geworden.

Polizeigewalt ist keine seltene Ausnahme. Sie ist normal, sie ist Alltag, aber sie betrifft nicht alle gleich. Viele selbstorganisierte Initiativen, wie zum Beispiel die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ weisen schon lange darauf hin.

Wir fordern einen Abbau des rassistisch-selektiven und repressiven Polizei- und Sicherheitsapparats, ein Ende von racial profiling und unabhängige Untersuchungen aller Verdachtsmomente von Polizeigewalt, und wir fordern eine breite Diskussion um die Institution Polizei – über ihre koloniale und faschistische Vergangenheit und Gegenwart.

Was sind die nächsten Pläne eurer Initiative?

Lena: Wir werden weiterhin auf die Ungerechtigkeiten, die Amad aber auch Anderen widerfahren ist, aufmerksam machen. Zuletzt haben wir zusammen mit Amads Eltern eine Spendenkampagne gestartet, um endlich einen Grabstein für ein angemessenes und würdevolles Gedenken an Amad zu ermöglichen. Wir werden gemeinsam mit Amads Eltern eine Gedenkveranstaltung zum Jahrestag von Amads Beerdigung am 13.10. in Bonn organisieren.

Wenn es dazu mehr Informationen gibt, werden wir diese über unsere Social Media-Kanäle veröffentlichen. Folgt uns also gerne bei facebook oder instagram oder schreibt uns auch gerne eine Mail an „initiativeamad@riseup.net“.


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