Fast eine Woche, nachdem das Geflüchtetenlager Moria abbrannte, ist die Lage auf der griechischen Insel Lesbos weiterhin dramatisch. Seit mehreren Tagen leben rund 13.000 ehemalige BewohnerInnen des Lagers unter freiem Himmel, darunter 4.000 Kinder. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Bundesregierung war bisher gerade einmal bereit, 150 Kinder aufzunehmen – nun sollen es möglicherweise doch mehr werden.

„Ich stehe hier in Europa. Auf Lesbos. Und auch eine Woche nach dieser Brandkatastrophe, bei der das größte Flüchtlingslager Europas abgebrannt ist, werden die Menschen hier nicht versorgt. Manche haben fünf Tage nichts gegessen. Es ist teilweise verboten für Hilfsorganisationen, hier Essen hinzubringen, sie müssen sich teilweise zu den Menschen schleichen, um denen ein bisschen Essen zu bringen“. So berichtet der Europapolitiker Erik Marquardt direkt von Lesbos am gestrigen Abend.

Seit vergangenem Mittwoch sind auf der griechischen Insel Lesbos mehrere Tausende Geflüchtete ohne Obdach. Sie konnten den Flammen des Großbrands im Lager Moria entfliehen, retteten jedoch oftmals nur sich selbst und wenige Habseligkeiten.

Täglich Proteste

Täglich kommt es seitdem zu Protesten der Geflüchteten. Auch einige EinwohnerInnen errichten Barrikaden, um einen Wiederaufbau des Camps zu verhindern. Auf die rund 80.000 InselbewohnerInnen kommen derzeit insgesamt etwa 20.000 Geflüchtete. Mittlerweile hat das UNHCR an anderer Stelle ein neues provisorisches Camp aus Zelten aufgebaut. Viele Geflüchtete weigern sich jedoch, in das neue Lager zu ziehen, sie erwarten eine ähnlich schreckliche Situation wie zuvor.

Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die mit Tränengas in die Menge hineinschießt. Insbesondere für Kinder, die sich teilweise in unmittelbarer Umgebung aufhalten, kann dies lebensbedrohlich sein.

Wie viele Menschen nimmt Deutschland auf?

Die Bundesregierung konnte sich bislang nur darauf einigen, 150 Kinder aufzunehmen. Das teilte Bundesinnenminister Seehofer am Freitag mit.

Heute dann kündigte Regierungssprecher Steffen Seibert einen weiteren “substantiellen Beitrag” Deutschlands an, über den derzeit in der Bundesregierung beraten werde: Es werde einen zweiten Schritt geben, bei dem Familien mit Kindern im Vordergrund stünden. SPD-Chefin Saskia Esken forderte eine “hohe vierstellige” Zahl.

Während in der Koalition über die Aufnahme von wenigen tausenden Menschen gefeilscht wird, bleibt jedoch der EU-Türkei-Deal, der zehntausende weitere Geflüchtete abhalten soll, weiter bestehen.

Bei drei Viertel der ehemaligen Moria-BewohnerInnen handelt es sich um AfghanInnen (77 Prozent), weit kleinere Teile kommen aus Syrien (8 Prozent) und dem Kongo (7 Prozent). Dennoch steht auch der deutsche Afghanistan-Einsatz bisher nicht auf dem Prüfstand.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.