Bei Protest gegen eine AfD-Veranstaltung in Henstedt-Ulzburg fuhrt ein Auto mehrere Antifaschist:innen an. Auf die Reaktion der linken Demonstrant:innen folgte ein Warnschuss der Polizei. Die Polizei schrieb zuerst von einem „Verkehrsunfall“, nun ermittelt der Staatsschutz. Wir haben ein Interview mit Nicola Müller*, einer von dem Autoangriff betroffen Person geführt.

Warum wart ihr in Henstedt-Ulzburg auf der Straße? Wofür oder wogegen habt ihr protestiert?

Wir waren in HU um gegen das Treffen der AFD mit Meuthen zu protestieren. Wir erachten es als fatales Zeichen, eine „Partei“ wie die AFD ungestört agieren zu lassen. Denn für uns sind sie nicht nur extreme Rechte, sondern auch der parlamentarische Arm terroristischer Faschist:innen.

Wer sich so mit Sprache und Gestik äußert, wie die AFD, weiß zu genau wohin das auf der Straße führt. Diese rechte Diskursverschiebung gilt es aufzuhalten.

„Wir möchten uns weiter für eine freie und solidarische Gesellschaft einsetzen!“

Polizeibericht und Medienberichte widersprechen sich – könnt ihr einmal schildern, was in Henstedt-Ulzburg vor dem rechten Angriff passiert ist?

Vor dem Angriff mit dem Pick Up gab es eine Gegenkundgebung auf dem Areal des Bürgerhauses an der sich Einzelpersonen, Parteien, Kirchen, Antifa-Gruppen und Gewerkschaften beteiligten. Diese wurde von ca. 250 bis 300 Menschen besucht.

Eine spontane Ansammlung hat sich dann noch an der Zufahrt für die AFD-Fans eingefunden. An der Zufahrt gab es ein wenig Pöbeleien, aber auch inhaltliche Erklärungen, weshalb die AFD einfach scheiße ist. Die alten Herren der AFD gaben auch ihr Bestes und bepöbelten die Aktivist:innen. Eine lose Polizeikette von ca. 10 Beamt:innen hat die Zufahrt gesichert. Dort gab es auch keinerlei Durchbruchsversuche. Auch daran schon erkennbar: alles entspannt.

Losgelöst von allem war die Situation mit dem Pick Up. Vier junge Typen sind an zwei Menschen vorbei. Nach ca. 20 Metern faste einer der Gruppe an einen Pfeiler. Als die zwei Menschen dort angekommen sind, hing dort ein Aufkleber von „1prozent“. Unsicher ob die Vierergruppe diesen klebte, gingen die beiden weiter. Nach ca. 80 Metern fuhr ohne ersichtlichen Grund der VW Pick Up Amarok auf dem Gehweg auf die beiden Menschen zu.

Es gab keine Möglichkeit großartig zu reagieren. Der Versuch sich auf die Grünfläche zu begeben misslang, da der Wagen erstens zu schnell ankam und der Fahrer auf den Grünstreifen lenkte und gezielt auf die beiden draufgehalten hat.

Nachdem die beiden angefahren wurden, fuhr er weiter und erfasste nach ca. 30 Metern die junge Frau. Ihre Begleitung konnte sich noch zwischen die Autos retten. Der Wagen stoppte nach insgesamt ca. 130 Metern auf dem Bushaltestopp.

Ein Polizist hat im Zuge dessen in die Luft geschossen. Augenzeug:innen berichten, das passierte, als die Antifaschist:innen sich wehrten. Was sollte dieser Warnschuss bezwecken?

Menschen die vermutlich mitbekommen haben, was an der Beckersbergstraße passierte, sind dazu gekommen. Ca. 15 bis 20 Personen. Sie waren laut und gestikulierten. Hier sind ca. 10 Polizist:innen auf die Gruppe zu und drängte sie etwas nach hinten auf den Gehweg.

Ein folgender Beamter, der überhaupt nicht in dieser Situation involviert war, zog seine Dienstwaffe hielt sie nach oben und drückte einen Warnschuss ab. Absolut Unverhältnismäßig. Aktivist:innen forderten die umstehenden Beamt:innen auf, ihren Kollegen umgehend aus der Szenerie zu nehmen. Dieses geschah dann auch.

Die Polizei schreibt zunächst über einen Verkehrsunfall, nun ermittelt der Staatsschutz, ob der Angriff womöglich politisch motiviert war. Wie bewertet ihr die polizeiliche Darstellung und was erhofft ihr euch von den Ermittlungen des Staatsschutz?

Es ist wieder einmal ein fatales, falsches Zeichen was sich die Polizei dort erlaubt hat! Es war allen anwesenden Polizeibeamten umgehend klar, dass die Menschen hätten tot sein können. Dieses erzählten sie vor Ort mehrmals. Einige waren absolut fassungslos.

Aber nein, irgendein Mensch am PC haut ein Märchen vom Verkehrsunfall in die Tasten und muss erst ein wenig revidieren, nachdem etliche antifaschistische Gruppen und gut recherchierende Journalist:innen arbeiteten und den Anschlag als Anschlag titelten und Betroffene und Augenzeug:innen erzählten was vorgefallen ist.

Ob wir eine Hoffnung in den Staatsschutz setzen!? Geschenkt. Wir halten es da wie es auch unsere Freundin Esther Bejarano sagt: „Im Kampf gegen Nazis, darfst du dich auf den Staat nicht verlassen.“

Wir wollen Gerechtigkeit und allen voran wollen wir reden.

Wir wollen reden über den parlamentarischen Arm der Rechtsterrorist:innen und wir wollen darüber diskutieren, wie wir den antifaschistischen Selbstschutz weiter ausbauen müssen.

Dafür heißt es aber vorab, Leute die weiterhin behaupten, dass die AFD ja nicht so schlimm ist, empfänglich zu machen, für das Thema und Zusammenspiel zwischen dem Parlament und der Straße.

In Bezug auf Black Lives Matter Demonstrationen schrieb ein Mitglied der Corona-Rebellen: „Mit dem Auto reinfahren. Nummernschild ab und hupend rein in die Menge“. Die Staatsanwaltschaft sah darin keine „ernst gemeinte Ankündigung“. Und doch ist das Auto eine Waffe der Rechten geworden. Welche Schlüsse zieht ihr für antifaschistischen Protest daraus?

Wir haben schon Schlüsse aus genau diesen tragischen Morden und Ankündigungen gezogen und vielleicht hat genau das noch schlimmeres verhindert.

Kämpfst du gegen Nazis und Rassist:innen, musst du im Kopf haben, sie werden dich immer und egal wie versuchen anzugreifen und zu töten. Ihre menschenverachtende Ideologie ist nur auf diesem Konstrukt der Vernichtung aufgebaut.

Am Samstag, hat es linke Aktivist:innen u.a. auch einen ehrenamtlich aktiven Verdi Jugend-Gewerkschafter erwischt, ganz klar ist, gemeint haben sie uns alle!

*Name von der Redaktion geändert.


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