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Sonntag, Juli 21, 2024
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    “Den Kapitalismus kann man nicht erschießen, sonst hätten wir es längst gemacht.”

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    Am 25.09., rechtzeitig vor dem Tag der deutschen Einheit am 03.10., veröffentlichte Netflix eine True-Crime Doku-Serie über die Ermordung des damaligen Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder. – Eine Filmkritik von Joleen Haupt

    Bis heute ist nicht geklärt, wer Rohwedder am 01.04.1991 mit Schüssen durch die Fensterscheibe seines Arbeitszimmers ermordete. Als Chef der Treuhand war Rohwedder für die Privatisierung, Sanierung oder Schließung der rund 14.000 ostdeutschen Betriebe zuständig, sprich für den Ausverkauf der DDR. Er war damit auch ein Verantwortlicher für die massive Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern. Zeitweise war in den Nachwendejahren jede/r fünfte ehemalige Ostdeutsche auf Arbeitssuche.

    In der Mini-Serie kommen verschiedene ZeitzeugInnen aus verschiedenen Lagern zu Wort. So werden u.a. der damalige Finanzminister Theo Waigel, einige Mitarbeiter des Verfassungsschutzes oder der Rechtspopulist und damalige Mitarbeiter der Treuhand, Thilo Sarrazin, interviewt. Es kommen aber auch ehemalige RAF-Mitglieder, die damalige Wirtschaftsministerin der DDR, Christa Luft, der Linke-Politiker Freke Over oder Rammstein- Keyboarder und Ex-DDR-Bürger Flake zu Wort. So verflüchtigt sich schnell der Eindruck, der in den ersten Minuten entsteht, dass lediglich VertreterInnen des Kapitals die damalige politische Stimmung und die Umstände des Mords einschätzen.

    Generell widmet sich die Serie zwar intensiv dem möglichen Tathergang, den Theorien zu den potenziellen TäterInnen und der Entwicklung der Untersuchungen, es wird aber auch viel Gewicht auf die generelle Stimmung im Nachwende-Deutschland gelegt. Die verschiedenen Schicksale, Meinungen und die aufgeheizte Stimmung werden vor allem durch Originalinterviews rüber gebracht.

    Es lässt einen schwer schlucken, wenn man eine ehemalige DDR-Bürgerin sagen hört: „Ich mit meinen 43 Jahren, ich find keine Arbeit mehr“ und man aus heutiger Sicht weiß, dass sie damit sehr wahrscheinlich Recht hatte. Es wird auch deutlich, dass die Wende nicht von allen gewollt war; vor allem nicht in der Form, wie sie stattfand: „Wir haben mit einem Erneuerungsprozess des Sozialismus gerechnet“, heißt es an einer Stelle, stattdessen bekamen die Ostdeutschen Unsicherheit über ihre Zukunft und Arbeitslosigkeit. Das Versprechen, dass aus den neuen Bundesländern blühende Landschaften würden und es niemandem schlechter gehen werde als vorher, stellte sich schnell als riesige Lüge heraus und trieb die Menschen mit Forderungen wie „die soziale Einheit schaffen“ auf die Straßen.

    Wenn man hier von der Treuhand spricht, muss auch die Absurdität klar gemacht werden, die entstehen muss, wenn man die Wirtschaft der DDR an der Profitlogik des Kapitalismus messen will. Die Aussage, dass die DDR-Betriebe personell überbelegt und unprofitabel gewesen seien, klingt in dieser Logik nach Betrieben, die geschlossen gehören. Wer heute in einem durchschnittlichen kapitalistischen Betrieb arbeiten muss, weiß, dass „überbelegt“ in eigenen Worten oft genug heißt, dass die Arbeit gerade noch so zu schaffen ist.

    Auf die Frage, wer denn nun Rohwedder ermordete, liefert die Serie keine Antwort. Im Gegenteil, es wird sehr klar, dass es mehrere mögliche Antworten darauf gibt. Am Tatort wurde ein Bekennerschreiben der Roten Armee Fraktion (RAF) zu der Tat gefunden. In diesem Schreiben wird Rohwedder als Handlanger des Kapitalismus und Verantwortlicher für die dramatischen Schicksale der Ostdeutschen skizziert. Denkbar wäre auch die Ermordung durch die Stasi, die viele Straftaten – wie auch im Falle des korrupten Funktionärs Schalck-Golodkowski – zu vertuschen hatte. Die dritte angerissene Theorie ist die Ermordung im Auftrag von VertreterInnen westdeutscher Machtinteressen, die insofern von dem Mord profitiert hätten, als sich danach die Montagsproteste auflösten.

    Die Serie dient gut als Umriss für die politische Stimmung in der Nachwendezeit. Sie ist ein guter Startpunkt, um sich mit vielen relevanten Fragen auseinanderzusetzen: Hätte eine andere Bewegung einen tatsächlichen Sozialismus erkämpfen können? Wie erfolgreich sind die militärischen Aktionen der RAF gewesen? Wie hängen Arbeitslosigkeit und aufkeimende faschistische Strukturen zusammen? Wie viel hat der Staat zu vertuschen? Warum versandeten die Protestbewegungen der Montagsdemos?

    Gerade zum „Tag der deutschen Einheit“ müssen wir betonen, dass es eine solche Einheit in der Gesellschaft nicht gab und auch heute nicht gibt. Wir leben in einer Klassengesellschaft, in der einige wenige zu großem Wohlstand kommen, indem die große Mehrheit der Bevölkerung ausgebeutet wird. Darum sollten wir beim 3. Oktober nicht vom Tag der deutschen Einheit sprechen, sondern von der Annexion der DDR. Die KapitalistInnen wollen uns einreden, dass wir und sie etwas gemeinsam hätten, dass es eine deutsche Einheit gäbe, damit sie uns ausbeuten können, ohne dass wir uns dagegen wehren.

    Was aber auch als Botschaft mitgenommen werden kann, ist die Tatsache, dass einzelne KapitalistInnen zu ermorden, den Kapitalismus nicht abschafft. „Den Kapitalismus kann man nicht erschießen, sonst hätten wir es längst gemacht“, so Silke Maier-Witt, ehemaliges RAF-Mitglied. Für einen Systemsturz braucht es eine starke, gebündelte Widerstandsbewegung der ArbeiterInnen, der „Unterdrückten und Beleidigten“, bewusste Menschen, die sich nicht von dem Versprechen auf bessere Zeiten blenden lassen, welche ihre mit dem Kapitalismus unvereinbaren Interessen nicht nur erkennen, sondern auch in einer Revolution durchsetzen.

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