Der wohl wichtigste europäische Sport – der Fußball – steht an einigen Stellen vor neuen Veränderungen und Reformen. In Deutschland drängen Fans, Supporter:innen, Ultras und Hooligans auf eine Rückkehr zu alten Werten, während in England allen voran die mittelständischen Vereine leiden werden.

Nicht nur die Gesellschaft hat während der Corona-Pandemie und Wirtschaftskrise schwere Einschnitte akzeptieren müssen. Auch im Lieblingssport der meisten europäischen Länder hat nur mit großem Verzicht die Wiederaufnahme des Spielbetriebs begonnen. Dennoch bleiben die Stadien leer.

Durch das Coronavirus existieren regional die unterschiedlichsten Regelungen, Zuschauer:innen in den Stadien zuzulassen: So dürfen in Dresden gerade einmal 999 Fans den Spielbetrieb ihrer Mannschaft „Dynamo Dresden“ begleiten, wohingegen der Deutsche Fußballbund (DFB) für das Länderspiel gegen die Türkei vergangene Woche in Köln 9.200 Freikarten verschenkte.

Fußballfans = Unbezahlter Sozialdienst in Deutschland

In den größeren Städten mit einer dazugehörigen großen Fanszene organisieren die Fans noch heute gemeinnützige Projekte: So sammelten bis zum Sommer die „Ultras Frankfurt“ über 75.000 Euro für Kinder- und Jugendhospize. „Leider trifft die aktuelle Krise diejenigen am härtesten, die ohnehin schon in schwierigen Lebenslagen stecken. Ihnen wollen wir mit unserem Beitrag wenigstens etwas unter die Arme greifen“, so schrieben sie im Frühjahr. Auch bei Tafeln und Kleiderspenden ist der aktive Kern der Fanszene fast in jeder Stadt als unbezahlter Sozialdienst tätig.

Während sich die Fanszenen in Deutschland für die Armen und Hilfsbedürftigen einsetzen, erkennen sie auch das Potential ihrer Bewegung und fordern, dass der Fußball wieder den Menschen und nicht Konzernen gehören solle. Die „Wanderers Bremen“ fordern seit Abbruch und Wiederaufnahme des Spielbetriebs beispielsweise „Football belongs to the People“ (dt. „Fußball gehört den Menschen“). Auf der anderen Seite will der DFB die Förderungen der diversen Fan-Inintiativen kürzen, also der Initiativen, die durch ihre Aktionen eine ganze Stadt bereichern und unterstützen können.

Das Bündnis „ProFans“ kritisiert den unpassenden Zeitpunkt der Debatte „gerade jetzt, in einer Phase sich zuspitzender gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und erstarkender rechtsextremer Kräfte […]“. In einem weiteren Statement kommentiert es die angespannte Lage: „Die Frage der Zukunft ist, ob der Fußball weiterhin solvente Investoren und deren Kapital anbetet oder vielmehr dem Willen und den Vorstellungen der Massen folgt, die ihn tragen“.

Zuckerbrot und Peitsche in England

Während in Deutschland die Fan-Initiativen noch die stille Hoffnung hegen, dass der DFB die Förderung aufrechterhält, kam in England der Schritt auf den Verband von den Vereinen. Von einem „Volkssport“ kann hier seit geraumer Zeit nur noch im Jugendverband oder den unteren Amateurligen die Rede sein. Vereine gehören Multimilliardär:innen und die Fans müssen utopische Kartenpreise zahlen, um ein Spiel im Sitzen sehen zu dürfen. So haben sich die beiden Vereine „FC Liverpool“ und „Manchester United“ zusammengeschlossen, um ihren nationalen Fußball zu reformieren: Die Gesamteinnahmen der TV-Gelder sollen der zweiten bis vierten Liga zugute kommen, um die unterklassigen Vereine finanziell zu stärken.

Doch diese vermeintlich nette Geste schadet vor allem den mittelklassigen Vereinen. Denn gleichzeitig soll auch das Stimmrecht geändert werden. So hatte bisher jeder Verein der Premiere League eine Stimme bei wichtigeren Entscheidungen. Den neuen Reformplänen zufolge sollen diese Stimmen nur noch die neun erfolgreichsten englischen Vereine besitzen.


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