Fast ein Jahr nach dem Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie weisen erste Studien in Deutschland auf die psychischen Folgen der Massenerkrankung und damit verbundener Lockdown-Maßnahmen hin. Eine Welle von psychischen Folgeerkrankungen wird befürchtet.

Verschiedene Aspekte der psychischen Folgen der derzeitigen Pandemie hat Catalina Schröder für den Deutschlandfunk zusammengetragen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe macht eine massiv verschärfte Situation für Menschen aus, die bereits an Depressionen erkrankt sind.

Eine psychologischen Studie, bei der 6.500 Proband:innen Ende März und Anfang April diesen Jahres befragt wurden, ist mittlerweile in der Fachzeitschrift „Brain and Behavior“ erschienen. Unter anderem ergab die Untersuchung, dass die Befragten im Durchschnitt viereinhalb Stunden täglich über die Pandemie und ihre Folgen nachdachten. 40 Prozent der Befragten erwarteten, dass sie selbst in den nächsten Monaten erkranken würden. Moritz Petzold, der an der Charité Berlin an der Studie mitarbeitete, illustriert: „Das hätte bedeutet, dass Anfang Mai ungefähr 30 Millionen Fälle in Deutschland existiert hätten.“

Zumindest zu diesem verhältnismäßig frühen Zeitpunkt gaben 60 Prozent der Befragten Angst vor den sozialen Folgen der Pandemie an und 45 Prozent Angst vor den wirtschaftlichen Folgen.

Auch Sven Quilitzsch wurde vom Deutschlandfunk interviewt. Er arbeitet in Zwickau als Psychologe und beobachtet, dass es besonders Menschen, die schon vor Corona unter Depressionen litten, enorm schlecht geht. Dies hänge damit zusammen, dass aufgrund der Pandemie-Bekämpfungsmaßnahmen viele Möglichkeiten, im Alltag aktiv zu werden, Sport zu treiben oder soziale Kontakte zu pflegen, eingeschränkt worden seien oder ganz weggefallen sind – alles essenziell, um eine Depression zu bekämpfen.

Quilitzsch befürchtet auch, dass die Selbstmordrate in diesem Jahr massiv ansteigen könnte. Daten der Weltgesundheitsorgansation (WHO) zur Wirtschaftskrise 2007/2008 lassen das wahrscheinlich erscheinen. Die Suizidraten waren damals in den USA um 6,4 Prozent und in Europa um 4,2 Prozent gestiegen.

Seit Beginn der Pandemie meldet auch die Telefonseelsorge der Diakonie Hamburg 50 Prozent mehr Anrufe täglich. Sie drückten nicht nur wachsende psychische Belastungen aus, sondern, dass andere Möglichkeiten, damit umzugehen und Sorgen zu teilen, für viele Menschen weggefallen sind.

Isolation verstärkt Stress und psychische Erkrankungen

Nach Angaben der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ sind momentan etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland an Depressionen erkrankt. Sie habe der Lockdown besonders hart getroffen. Etwa jede/r Zweite hätte Einschränkungen in der Behandlung hinnehmen müssen, zum Beispiel wegen ausgefallener Arzt- oder Klinik-Termine.

75 Prozent der depressiven Befragten gaben an, unter der mangelnden Tagesstruktur gelitten zu haben (gegenüber 39 Prozent in der ganzen Bevölkerung), 43 Prozent (gegenüber 18 Prozent in der ganzen Bevölkerung) erlebten mehr Konflikte und Streit, und 48 Prozent berichteten, oft den Tag über im Bett geblieben zu sein (gegenüber 21 Prozent in der Allgemeinbevölkerung). Deutlich wird hier, dass die Pandemie und ihre Folgen Symptome, aber auch verstärkende Faktoren für depressive Erkrankungen gefördert hat. Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorsitzender der Stiftung, warnt vor einem Teufelskreis.


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