Einen Monat nach dem Kriegsende in der Bergkarabach-Region feiert Baku den militärischen Sieg. Mit dem Angriffskrieg der aserbaidschanisch-türkischen Koalition konnten wichtige Kriegsziele des panturkistischen Bündnisses erreicht werden. Gebietsgewinne auf der einen Seite, das Wissen, ungesühnt und unter Mittäterschaft der internationalen Gemeinschaft, das sogenannte „Völkerrecht“ zu brechen andererseits. Den – vor allem politisch – alles überwältigenden Sieg nimmt man in Baku, und mehr noch in Ankara, zum Anlass, der eigenen faschistischen Ideologie in der Rhetorik nun gar keine diplomatischen Schranken mehr zu setzen. Von Emanuel Checkerdemian

„Märtyrer sterben nicht!“ und „Das Vaterland ist unteilbar!“ schallt es bereits am Mittwoch durch die Straßen der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Türkische Soldaten, manchen Angaben zu Folge bis zu 3000, üben für die donnerstägliche Militärparade der siegreichen türkisch-aserbaidschanischen Streitkräfte. Ein Video ihrer Übung gibt einen Vorgeschmack auf die Feierlichkeiten und ihren Charakter.

Es soll eine Demonstration der eigenen Stärke, der eigenen Macht, sein. Unverbrüchlich verbunden mit der Drohung an all jene Feinde – und damit sind bei weitem nicht nur die Armenier:innen gemeint – das expansionistische und verbrecherische Verhalten fortzuführen.

Dementsprechend martialisch ist die gesamte Choreographie der Siegesfeierlichkeiten.

Panzer und Artillerie, Luftverteidigungssysteme und Raketen, Marineeinsatzkräfte und deren Gerät stauen sich in kilometerlangen Schlangen auf dem Weg zum Azadlyg-Platz, wo die Autokraten Alijew und Erdogan dem Spektakel, begleitet von ihren Ehefrauen, ihre Aufwartung schenken. Und nicht zuletzt auch die umfangreiche und kriegsentscheidende Drohnenausrüstung aus türkischer und israelischer Produktion wird zur Schau gestellt.

Von oben sorgt ein Geschwader der Luftstreitkräfte für weitere visuelle Effekte. Es malt die aserbaidschanische Trikolore, bestehend aus blau-rot-grün, an den Himmel.

Zahllose Menschen säumen die Straßen. Von Corona-Schutzmaßnahmen – das muss man in diesen Zeiten ja immer beachten – ist derweil nichts zu sehen.

Umso auffälliger jedoch, dass im Fahnenmeer der jubelnden Menge fast ebenso viele türkische, wie aserbaidschanische Flaggen zu sehen sind. Seit dem neuerlichen Ausbruch des Konflikts um die Bergkarabach-Region im Sommer diesen Jahres, und natürlich auch davor schon, wird dauerhaft die Parole „Zwei Staaten, eine Nation!“ gepredigt. Ohne die Unterstützung des türkischen Bruderstaates wäre ein Sieg der aserbaidschanischen Streitkräfte nahezu undenkbar.

Die Auffälligkeit des so häufigen Auftretens der türkischen Flagge ist also keinesfalls überraschend. Viel eher ist sie – und mit ihr die immer weitere Intensivierung panturkistischer Rhetorik – die logische Konsequenz einer völkisch-nationalistischen Ideologie.

Wegen dieser Grundannahmen müssen wir zum Verständnis dieses Panturkismus und zur Erarbeitung von Gegenstrategien eine Faschismusanalyse hinzuziehen.

Bei den Jubelnden, wie auch den Bejubelten, handelt es sich um ein und die selbe faschistische Meute, für die der Krieg von 2020 erst der Auftakt zur totalen Vernichtung „des Feindes“ ist.

Dafür braucht man sich gar nicht erst auf die zahlreichen Wolfsgrüße berufen, die hohe Militärs den ganzen Tag über in Kameras schicken und Erkennungszeichen der türkischen faschistischen Bewegung „Graue Wölfe“ ist. Viel interessanter sind die Reden der beiden Staatspräsidenten, Alijew und Erdogan. Völlig unumwunden drohen sie mit Fortsetzung des Vernichtungskrieges, befeuert von türkische Medien, die eine Einverleibung der armenischen Provinz Syunik herbeiwünschen.

„Waffenstillstand bedeutet nicht, dass der Kampf beendet ist“

Es sei ein „epischer Kampf“ und ein „historischer Sieg“ sagt der türkische Präsident in seiner Rede und fügt an, dass ein Waffenstillstand noch lange nicht bedeute, dass der Krieg beendet sei. Daran anknüpfend ergänzt sein aserbaidschanischer Amtskollege, dass Bergkarabach „im heiligen Krieg“ zurückerobert wurde und auch weite Teile des armenischen Staatsgebietes „historisch unser Land“ seien.

Weiterhin droht Alijew, dass die „aserbaidschanische eiserne Faust“ bei weiteren „armenischen Aggressionen“, das Rückgrat der Armenier:innen brechen würde. „Den Kopf des Feindes“ hätte man ja schon „abgeschlagen“.

Es lässt sich also eine eindeutige Veränderung der militaristischen Rhetorik der panturkistischen Ideologen bemerken. Sprach man bei den Überfällen auf Kurdistan und seine Bevölkerung noch von „Terrorabwehr“, die einen zum Handeln zwinge, erfindet man nun schon gar keine Ausreden mehr zur diplomatischen Vermittlung der eigenen Vernichtungsideologie.

Stattdessen drückt man sie jetzt einfach ganz unverhohlen aus: Man droht den Armenier:innen sie zu vernichten, nutzt Analogien zur Aghet, dem Völkermord von 1915, und braucht sich nicht weiter mit internationalen Reaktionen beschäftigen. Die gibt es nämlich einfach nicht!

Erdogan widmet Kriegsverbrecher Pascha den Sieg

So huldigte der türkische Präsident Erdogan dem Kriegsverbrecher und Massenmörder Enver Pascha, widmete ihm den Sieg, der maßgeblich für die Vernichtung von 1,5 Millionen Armenier:innen, Assyrer:innen und Griech:innen verantwortlich war.

Als Kriegsminister während des 1. Weltkrieges war er für Deportationen, Todesmärsche und Massenexekutionen verantwortlich und gab somit auch Anweisungen zur „Vernichtung der armenischen Rasse“. Er reagierte im sogenannten Triumvirat mit Talat Pascha und Cemal Pascha, welches sich verantwortlich zeichnet für die Barbarei des türkischen Handelns. Der schnelle Tod war da fast schon die „gnädigste“ Ausflucht. Denn das Morden wurde hier in einer Weise zelebriert, die fast unsagbar ist. Vergewaltigungsexzesse, das Töten von Kindern und Ungeborenen aus dem Mutterleib, die Hatz in die Wüste…

Mit der Wiederholung, oder „Vollendung“ wie Erdogan sagt, dieser menschenverachtenden Verbrechen drohen die panturkistischen Faschisten am Tage ihrer Siegesfeier. Wohl wissend, dass keine Konsequenzen der internationalen Staatengemeinde folgen werden. Nicht nur in Armenien, sondern auch in Kurdistan weiß man, dass es wohl nicht bei leeren Worten bleiben wird.

United Against Turkish Fascism

Doch weiß man dort auch, dass ein wichtiger Aspekt eines erfolgreichen Widerstandes gegen die panturkistische Vernichtungsideologie in einer starken internationalistischen Solidaritätsbewegung liegt. Die Notwendigkeit dessen wurde nicht erst im Kampf gegen den IS und in der Befreiung Rojavas gezeigt.

Doch im Gegensatz zur organisierten Solidarität mit der kurdischen Sache, hat die deutsche Linke zum Überlebenskampf der Armenier:innen bisher kaum Stellung bezogen.

Eine Verbindung der genannten Kämpfe ist allerdings unabdingbar. Es ist daher sehr zu begrüßen, dass das Bündnis „United Against Turkish Fascism“ eine solche Verbindung der Kämpfe nun vorantreibt. Am Samstag, den 12.12., ruft es zu einer Demonstration aller „vom türkischen Faschismus Betroffenen“, sowie aller solidarischen Kräfte in Berlin auf.

Im Aufruf heißt es:

„Es ist überlebenswichtig, dass wir unsere Kämpfe von Rojava bis Arzach verbinden und Widerstand gegen die Vernichtungspolitik von Recep Tayyip Erdogan leisten. Die militärische und politische Partnerschaft zwischen Deutschland und der türkischen Regierung betrifft nicht nur die Betroffenen in der Region, sondern auch unsere Sicherheit in Deutschland. Die faschistischen Gruppen des türkischen Staates wie die Grauen Wölfe sind auch in Deutschland unterwegs und bedrohen unsere Communities. In diesem Sinne ist die Kundgebung der Auftakt eines migrantischen antifaschistischen Bündnisses. Kämpfen wir vereint und mit allen Kräften gegen den türkischen Faschismus!“


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