Der Machtpoker um den Brexit geht – eine Woche vor dem Ausritt Großbritanniens aus der europäischen Zollunion – in die entscheidende Phase. Genau jetzt nutzt die EU eine neu aufgetretene Corona-Mutation in Südengland, um den Druck durch Grenzschließungen nochmal zu erhöhen. Ihr Faustpfand waren dabei auch rund 10.000 LKW-Fahrer:innen, die aufgrund von Mega-Staus Weihnachten nicht bei ihren Familien sein werden. Es kam zu Protesten.

Am Sonntag Abend schloss Frankreich die Grenzen zu Großbritannien komplett. Zuvor waren bereits Landeverbote für Flugzeuge verhängt worden, dann wurden alle Grenzübergänge auf dem Luft-, See-, Schienen- und Landweg geschlossen. Das galt auch für den wichtigen britischen Hafen Dover am Ärmelkanal sowie den Eurotunnel.

Offiziell begründete Frankreich dies damit, verhindern zu wollen, dass eine neue Mutation des Coronavirus eingeschleppt werde, die sich derzeit im Vereinigten Königreich verbreitet. Die Sonderform soll laut dem britischen Präsidenten Boris Johnson bis zu 70 Prozent ansteckender sein als die bisher am meisten verbreitete Variante. Auch andere europäische Länder schlossen aus gleichen Gründen vorübergehend den Luftverkehr nach Großbritannien.

EU nutzt Virus-Mutation um Druck zu erhöhen

Doch der Zeitpunkt kam vor allem den Europäern ganz gelegen – und zwar in der heißen Phase in der Aushandlung des Brexit-Deals: zum 1.1.2021 soll Großbritannien nun endgültig den Binnenmarkt und die Zollunion der EU verlassen, nachdem Mitte 2016 eine Mehrheit im vereinigten Königreich dafür gestimmt hatte, aus der EU auszutreten.

Trotz endloser Verhandlungen und aufgeschobener Fristen ist es erst heute Abend zu einem Ergebnis gekommen – beide Seiten zockten bis zuletzt, um das Maximum für ihre Konzerne herauszuholen.

Durch die Grenzschließungen gab die EU den Britten einen Vorgeschmack darauf, was als Folge eines unkontrollierten Brexit drohen könnte. Schon kurze Zeit später kam es beispielsweise in verschiedenen britischen Supermärkten zur Gemüseknappheit.

Zehntausend LKW-Fahrer:innen sind festgesetzt

Der Machtpoker wurde jedoch nicht nur auf dem Rücken britischer Konsument:innen, sondern vor allem auch auf denen der LKW-Fahrer:innen ausgetragen, die derzeit noch immer in einem Mega-Stau rund um Dover festsitzen.

„Seit drei Tagen stehe ich hier, wir haben kein Essen, kein Trinken, keine sanitären Einrichtungen.“, erklärte gestern ein verzweifelter Fahrer, wie die Welt berichtet.

Für die meisten Trucker:innen heißt das, dass sie Weihnachten mit der Familie verpassen werden: „Um von hier nach Hause zu fahren, müssen wir fast 3.200 Kilometer fahren. Das sind ungefähr 45 Stunden zu fahren – Non-stop. Kein Schlaf, nur fahren. Das können wir nicht schaffen“, berichtet ein Fahrer.

„Dieses Jahr ist Weihnachten hier. Für mich ist es hier. Für uns ist Weihnachten vorbei. Hier ist Weihnachten. Mit meinen Kollegen.“, erzählt ein anderer.

Wütende Proteste

Zwischenzeitlich bracht sich die Frustration in Protesten der Fahrer:innen Bahn. So zeigen Videos Schubsereien mit der britischen Polizei. Auch soll ein Polizeifahrzeug zerstört worden sein.

In der Nacht auf Donnerstag dann endlich die Einigung unter den europäischen Verkehrsminister:innen: Die Fahrer:innen dürfen England verlassen, werden auch bei der Ankunft im französischen Calais auf Corona getestet und sollen dann – bei einem negativen Befund – weiterfahren. Frankreich hat zugestimmt, ein Testzentrum für mehrere tausend Trucker:innen einzurichten und schnellstmöglich in Betrieb zu nehmen. Bisher wollte Frankreich keine ungetesteten LKW-Fahrer aus England über den Kanal lassen.


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