Das Elendslager Moria auf Lesbos hat im Sommer gebrannt. „Wir haben Platz“ und #LeaveNoOneBehind waren die Parolen, auf deren Druck sich die deutsche Bundesregierung irgendwann durchrang, einige Menschen aufzunehmen. Doch was schon in Worten ein Tropfen auf den heißen Stein war, ist tatsächlich noch erschreckender: Nicht einmal 300 Menschen sind in Deutschland angekommen. Alle Übrigen überleben jetzt in Moria 2. Und wer dort ist, ist sich mit den anderen einig: es ist noch schlimmer als Moria.

Im Spätsommer hatte die Bundesregierung zugesagt, knapp 1.700 Menschen aus dem abgebrannten Lager Moria aufzunehmen. Vor allem Kinder und Familien sollten nach Deutschland kommen, nachdem auf einen Schlag rund 12.000 Menschen endgültig obdachlos geworden waren. Nicht, dass sie vorher ein menschenwürdiges Zuhause gehabt hätten, doch auch die Zeltstätten und notdürftige Infrastruktur waren nun zerstört. Es ist nicht auszuschließen, dass Bewohner:innen damals selbst das Feuer gelegt haben in der Hoffnung, ein Großbrand könne europäische Regierungen zum Handeln bewegen.

Endlich steht die Hölle in Flammen

Bis heute sind nicht einmal 300 Personen in Deutschland angekommen. Noch rund 7.000 Menschen leben also im improvisierten Moria 2, und sowohl Hilfsorganisationen als auch Bewohner:innen sind sich einig: Kaum jemand hätte gedacht, dass es schlimmer kommen könnte als Moria – und doch sind die Zustände noch lebenswidriger.

Das Zeltlager liegt direkt an der Küste, die meisten Zelte nicht wetterfest. Schon die letzten Winter auf Lesbos waren hart, doch nun sind die Zelte dem scharfen Wind unmittelbar ausgesetzt. Schon mehrere Male stand das Lager nach starkem Regen komplett unter knöchelhohem  Wasser. Es gibt nicht genügend Toiletten und kaum Versorgung mit Strom und fließend Wasser. Bewohner:innen berichten, dass es für jede/n nur einmal in der Woche für 15 Minuten die Möglichkeit gibt, eine Dusche zu nutzen.

Die Bewohner:innen und Hilfsorganisationen sind außerdem der Gefahr von Bleivergiftungen ausgesetzt, Moria 2 wurde auf ehemaligem Militärgelände errichtet. Umfassende Untersuchungen, ob vom aufgeschwemmten Boden eine Gefahr ausgehen könnte, gab es nie. Einige Bewohner:innen haben sogar noch Überreste von nicht explodierten Mörsergeschossen gefunden.

Warum wurden die Menschen nicht aufgenommen?

Warum ist also die deutsche Bundesregierung ihrem Versprechen, Menschen aufzunehmen, nicht nachgekommen? Das Bundesinnenministerium begründete dies gegenüber t-online mit Infektionsschutzmaßnahmen. Zeitnah sollten die übrigen Menschen nachkommen, einen genauen Zeitpunkt könne man noch nicht nennen. Seit Ende September gibt es auch keine Lieferungen von deutschen Hilfsgütern mehr nach Lesbos.

Am 14. Dezember haben die EU-Innenminister:innen über ein neues „Migrations- und Asylpaket“ beraten. Es war das letzte Mal, dass diese Sitzung unter deutscher Ratspräsidentschaft stattfand. Wieder gab es keinen Durchbruch, nicht „die europäische Lösung“, auf die sich deutsche Politiker:innen berufen.

Neues Auffanglager auf Lesbos geplant

Statt einer europäischen Lösung, die eine Besserung der Lebensumstände in Moria hätte bedeuten können, plant die EU-Kommission ein neues Auffanglager auf Lesbos. Die Containerstadt kann aber erst im kommenden Spätsommer fertig gestellt werden. Mindestens einen Winter werden die Menschen also noch in Zelten überleben müssen.

Geplant seien außerdem Container für medizinische Versorgung und Asyl-Antragsstellung – aber auch Haftcontainer, um „Rückführungen“ effizient zu gestalten.


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