Die Weihnachtsansprache von Bundespräsident Steinmeier ist geprägt von Durchhalteparolen. Von seiner viel gepriesenen „Zuversicht“ fürs kommende Jahr können wohl die wenigsten Arbeiter:innen in Deutschland etwas spüren. Seine Rolle als Heil versprechender Messias dürfte daher nicht Viele erreichen. – Ein Kommentar von Kevin Hoffmann

Es ist eine alte und recht langweilige Tradition, dass sich die repräsentativen Staatsoberhäupter in Europa jedes Jahr – vor einem Weihnachtsbaum drapiert – an „ihr Volk“ wenden. Spannendes ist in diesen Ansprachen selten zu finden. Und doch werden sie von Jahr zu Jahr zur besten Sendezeit aus Europas Schlössern und Palästen in die Wohnzimmer von ‚zig Millionen Arbeiter:innen gesendet und dürften bei so manchem Weihnachtsessen Gesprächsthema sein – egal, ob es nun die Ansprache vom Bundespräsidenten, der Queen oder der alljährliche Aufruf zur christlichen Solidarität des Papstes ist.

Die diesjährige Weihnachtsansprache von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, dem Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland, war dennoch etwas Besonderes. Sie war durch und durch geprägt von Durchhaltelosungen. Sie propagierte eine Versöhnung und gemeinsame Interessen aller Menschen in Deutschland, egal welcher ökonomischen Klasse sie angehören – die es halt nur so überhaupt nicht gibt.

Steinmeier philosophierte von einer ach so schwierigen Zeit, die es gemeinsam durchzustehen gebe, und dass doch das Licht am Ende des Tunnels immer heller zu leuchten beginne. An ihm scheint wirklich ein missionarischer Prediger verloren gegangen zu sein.

So manche Arbeiter:innen dürften diese Rede als blanken Hohn empfinden, stehen doch Millionen Menschen in Deutschland ohne Job da und wissen nicht, wie sie im kommenden Jahr ihre Rechnungen bezahlen sollen. Licht am Ende des Tunnels sehen wohl weder diejenigen, die in den von der Corona-Pandemie besonders betroffenen Branchen arbeiten, noch jene, die aufgrund der Wirtschaftskrise und des Umbaus der Stahl- und Automobilindustrie im kommenden Jahr in Massen ihre Jobs verlieren werden.

Zufrieden nickend dürften hingegen die Angehörigen der Unternehmerfamilien die Rede ihres Präsidenten gehört haben. Sie gehen meist unbeschadet oder gar als Gewinner:innen aus diesen Krisen hervor. Schließlich fängt die Bundesregierung die allermeisten Verluste aus Pandemie und Krise verlässlich durch unsere Steuergelder wieder auf.

Doch es hat wahrlich auch niemand Trost oder gar eine Lösung für seine Probleme von der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten erwartet. Es liegt offen vor uns, dass wir unsere Probleme selbst in die Hand nehmen müssen. Das „Licht am Ende des Tunnels“ müssen wir uns erkämpfen. Eine wirklich strahlende Zukunft für uns Arbeiter:innen wird es nur geben, wenn wir sie uns nehmen und alle, die sich uns in den Weg stellen und uns von diesem Ziel abbringen wollen, zur Seite schaffen.

Wenn wir eines aus der Rede des Bundespräsidenten ziehen können, dann die Zuversicht, dass wir eine Welt zu gewinnen haben, die weit entfernt ist von all dem Status Quo, für den er und seine Durchhalteparolen stehen.


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