Der AstraZeneca-Impfstoff soll heute in der EU zugelassen werden. Neben Lieferschwierigkeiten gibt es ein anderes Problem: Die Wirksamkeit des Impfstoffes. Eine typisch kapitalistische Absurdität. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Aller Erwartung nach wird heute Nachmittag von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Zulassung des dritten Impfpräparats vom schwedisch-britischen Konzern AstraZeneca bekannt gegeben. Überschattet wird dieser Schritt von dem seit Tagen schwelenden Streit um die Ankündigung von AstraZeneca, weniger Dosen als geplant an die EU liefern zu können.

Momentan stehen Poltiker:innen in Deutschland und auf EU-Ebene vor allem hierfür am Pranger. In den Hintergrund tritt dabei jedoch eine andere Frage: Die Qualität und Wirksamkeit des Impfstoffes.

Impfstoffe unterschiedlicher Qualität

Zumindest die ständige Impfkommission in Deutschland hat erst gestern bekannt gegeben, dass sie den Impfstoff lediglich für unter 65-jährige Menschen empfiehlt, da noch keine ausreichenden Testergebnisse zur Wirksamkeit bei älteren Menschen vorlägen. AstraZeneca und die EU-Kommission dementierten zwar ausdrücklich die Behauptung, die Wirksamkeit bei über 65-Jährigen läge bei lediglich 8%; unstrittig ist aber, dass der Wirkstoff insgesamt weniger wirksam ist als der von Konkurrenzunternehmen.

AstraZenecas Präparat erreicht offenbar eine Wirksamkeit zwischen 60 und 70%, während Biontech/Pfizer und Moderna je eine Wirksamkeitsrate von weit über 90% beanspruchen. Man muss wahrhaftig kein fundamentalistischer Impfgegner sein, um es sich im Angesicht dieser Tatsachen zweimal zu überlegen, ob man sich sobald wie möglich impfen lassen oder doch lieber darauf hoffen will, dass ein besser wirksames Präparat zugänglich wird. Denn ein Mischen der Impfstoffe wird ausdrücklich nicht empfohlen, geschweige denn, dass es Untersuchungen über mögliche negative Wechselwirkungen gibt.

Das ist ein großes Problem, denn ein wirksamer und allgemein zugänglicher Impfstoff ist nach wie vor allem Anschein nach das einzige Mittel, mit dem wir auf eine Rückkehr zur Normalität hoffen können. Mit allen anderen Maßnahmen zur Pandemi-Bekämpfung stochert die Regierung anscheinend merklich im Dunkeln.

Impfstoffproduktion im Kapitalismus

Wer für einen Moment die kapitalistische Realität aus Vorab-Verträgen, vorgeschossenen Steuermitteln und die Konkurrenz zwischen Unternehmen und Ländern ausblendet, der wird diese Situation unweigerlich absurd finden.

Die Welt wird seit bald einem Jahr von einer der größten Seuchen der letzten Jahrzehnte im Griff gehalten, die Normalität und Existenz von Millionen Menschen wird ihrer Bekämpfung geopfert – aber gleichzeitig werden Impfstoffe unterschiedlicher Wirksamkeit und Qualität produziert und gekauft?

Das ist die Logik kapitalistischer Konkurrenz. Die Patente für die besten Impfstoffe werden nicht zum Allgemeingut, sondern jeder Pharmakonzern forscht, entwickelt, produziert und vertreibt für sich selbst. Die schwächere Wirksamkeit versucht der AstraZeneca-Impfstoff, z.B. durch eine leichtere Handhabung und Lagerung wett zu machen und vor allem durch einen deutlich niedrigeren Preis.

Ein Impfstoff für die Massen?!

Auch wenn sie offiziell geheim sind, hat eine belgische Staatssekretärin die Preise pro Dosis in einem mittlerweile gelöschten Tweet ausgeplaudert: Moderna kostet mit 15€ am meisten, gefolgt von Pfizer/Biontech mit 12€ und deutlich günstiger bietet AstraZeneca mit 1,78€ seinen Impfstoff. an.

Für alle Länder mit begrenzten finanziellen Mitteln, die sich weder teurere Präparate leisten können noch eine flächendeckende Lagerung bei minus 70 bzw. minus 20 Grad Celsius, dürfte das ein „unschlagbarer Konkurrenzvorteil“ sein. Man kann aber auch sagen: Sie haben keine Wahl.
Es bewahrheitet sich somit, was Anja Ettel schon im November – noch in der Entwicklungsphase – über den AstraZeneca-Impfstoff prophezeit hatte: „Billiger und ohne Tiefkühlung – das ist der wahre Impfstoff für die Massen“ .

Dass die kapitalistischen Großmächte das Gerede von einem globalen gemeinsamen Kampf gegen das Virus würden fallen lassen, sobald es hart auf hart kommt, kann wohl nicht wirklich überraschen.

Interessanter ist da schon die Problematik, wie die Frage entschieden werden wird, wer welches Präparat in Deutschland gespritzt bekommt: AstraZeneca für Kassenpatient:innen und Pfizer für Hochrisikopatient:innen und Privatversicherte?

Immerhin sollte die Anwendung eines Impfstoffs mit einer Wirksamkeit von deutlich unter 80% die Diskussion um Impfprivilegien wohl vollends absurd machen – eigentlich.

 


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