Vor sieben Tagen wurde der sozialistische Aktivist Gökhan Güneş in Istanbul vom türkischen Geheimdienst verschleppt. Nach seiner Freilassung berichtet er nun von seiner Entführung und Folter.

Am 20. Januar wurde Gökhan Güneş in Istanbul von Unbekannten verschleppt. Gestern wurde er dann am frühen Morgen mit verbundenen Augen wieder im Stadtteil Başakşehir freigelassen. In einer Pressekonferenz in der Istanbuler Zweigstelle des Menschenrechtsvereins „İnsan Hakları Derneği“ (İHD) berichtet er von seiner Entführung. An der Pressekonferenz nahmen auch die Istanbuler İHD-Vorsitzende Gülseren Yoleri, der ESP-Vorsitzende Şahin Tümüklü sowie zahlreiche Angehörige und Journalist:innen teil.

Gökhan Güneş ist 23 Jahre alt und Elektriker. Er ist Mitglied der ESP. Die ESP ist eine sozialistische Partei in der Türkei und Nordkurdistan und Teil der pro-kurdischen HDP. Diese fungiert dabei als Dachorganisation verschiedener Parteien. Innerhalb eines Monats wurde die ESP in vier Operationswellen durch die türkische Regierung angegriffen. Dutzende ihrer Aktivist:innen wurden festgenommen.

Auf der Pressekonferenz sieht man schließlich Gökhan Güneş, er hat Hämatome unter dem linken Auge und an den Händen. Er berichtet von den Ereignissen der letzten Tage. Am Tag seiner Entführung befand er sich gegen 12:00 Uhr gerade auf dem Weg zur Arbeit. Als er aus dem Bus ausstieg, warteten an der Bushaltestelle bereits vier Personen, eine von ihnen sprach ihn an. Als er sich deshalb umdrehte, stürzten sich alle vier gleichzeitig und gemeinsam auf ihn und versuchten, ihn zum Einsteigen in ein Auto zu zwingen. Als er sich wehrte, setzten sie einen Elektroschocker ein. Güneş wurde bewusstlos und kam erst im Auto wieder zu sich. Dort hielten zwei Personen seine Arme fest und zogen ihm einen Sack über den Kopf. Dann wurde er noch einmal in ein anderes Auto gesetzt. Sie sagten ihm nicht, wohin sie fahren würden.

„Nachdem wir hineingegangen waren, wurden systematisch und mit Abständen Foltermethoden angewendet. Die Folter reichte von Stromschlägen über Prügel bis zum Abspritzen mit kaltem Wasser. Manchmal wurde ich nackt liegen gelassen, manchmal hatte ich noch meine Unterwäsche an. Mir wurde mit Vergewaltigung gedroht. Es gab einen Bereich, der ,Grab‘ genannt wurde. Dort konnte man nur stehen und die Arme nicht bewegen. Man wurde dort mit verbundenen Augen und auf dem Rücken gefesselten Händen eingesperrt. Es wurden Drohungen ausgestoßen und Angebote gemacht. Das ging willkürlich so weiter.

Zuletzt war ich davon ausgegangen, dass ich gestern (Anm. Red. am 25.01) freigelassen würde. Ich spürte, dass so etwas vorbereitet wurde. Aber dann ließen sie mich doch nicht gehen. Sie sagten, dass ich mit ihnen zusammenarbeiten solle. Später fragten sie mehrmals, ob ich wisse, wer sie seien. Ich antwortete, dass sie vermutlich vom Geheimdienst sind. Dazu sagten sie nichts. Sie sagten jedoch mehrmals, dass sie ,die Unsichtbaren‘ seien“, erzählte Güneş weiter.

Gökhan Güneş berichtete jedoch nicht nur von seiner Entführung, sondern auch von seiner Freilassung am Dienstag. „Es war vermutlich morgens, als ich in ein Fahrzeug gesetzt wurde. Meine Augen waren verbunden. Es waren schätzungsweise vier Personen da. Vorher gaben sie mir Kleidung. Bis auf die Hose gehörte nichts davon mir. Unterwäsche, Strümpfe und Hemd habe ich von ihnen bekommen. Bevor es los ging, wurde mein Körper gesäubert. Nachdem ich mich angezogen hatte, sprühten sie Parfüm auf meine Jacke. Bevor sie mich gehen ließen, sagte einer, den sie Chef nannten: ,Ich habe dir nichts weggenommen, nur deine SIM-Karte.‘ Ich fragte nach dem Grund. Er antwortete nicht darauf und sagte nur, dass ich mir eine neue Karte von demselben oder einem anderen Anbieter besorgen solle.“

Sie setzten ihn in ein Auto, dort wurde sein Kopf – wie auf der Hinfahrt sechs Tage zuvor – nach unten gedrückt. Man zog ihm einen Sack über den Kopf, der ihm kurz vor dem Aussteigen wieder abgenommen wurde. „Sie sagten mir, dass ich loslaufen soll und auf keinen Fall nach hinten gucken darf. Ich ging los und öffnete meine Augen. Sie hatten Watte auf meine Augen gelegt und mit Klebeband befestigt. Ich hatte kein Telefon und konnte niemanden anrufen. Es war am frühen Morgen. Schließlich bat ich einen Wachmann, mir ein Taxi zu rufen. Ich stieg ins Taxi und fuhr zur Wohnung meiner Familie.“

Die Fahrt vom Entführungsort zur dem der Freilassung soll etwa 1 1/2 Stunden gedauert haben. Der Raum, in dem er festgehalten wurde, ähnelte laut Güneş einer Gummizelle. Über Lautsprecher habe man rassistische Marschmusik gespielt.

In der Pressekonferenz betonte Gökhan Güneş, dass er aufgrund seiner politischen Identität als Sozialist verschleppt wurde: „Dabei handelt es sich um eine Politik der 1990er Jahre, die auch heute wieder angewandt wird. Vermutlich wird das in der kommenden Zeit so weitergehen.“ Doch mit dieser Methode könne man dem Kampf in der Türkei nicht seine Bedeutung nehmen, auch er selbst werde weiter kämpfen. Zum Schluss bedankte er sich noch bei all denjenigen, die sich in der Zeit seiner Entführung für ihn eingesetzt haben.


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