Jedes sechste Kind in Deutschland wächst in einer suchtbelasteten Familie auf. Die Situation dieser Kinder hat sich während der Pandemie drastisch verschlechtert. Mit einer Aktionswoche soll auf ihr Leiden aufmerksam gemacht werden.

Jedes Jahr in der Woche rund um den 14. Februar gibt es die Aktionswoche „Vergessenen Kindern eine Stimme geben“. Organisiert wird sie vom Verein „Nacoa“, einer Interessenvertretung für Kinder aus suchtbelasteten Familien.

Hiermit sollen unter anderem Bund, Länder und Kommunen darauf aufmerksam gemacht werden, wie dringend es ist, Hilfsangebote für die rund 3 Millionen betroffenen Kinder in Deutschland zu schaffen.

Die Zahl der ‚vergessenen Kinder‘ wird im Laufe der Pandemie weiter steigen, wie auch Annett Fabian, die Leiterin der Thüringer Fachstelle für Suchtprävention in einem MDR-Interview betont.

Fortdauernde gesellschaftliche Isolation, zunehmende Kurzarbeit und die damit oft verbundenen finanziellen Notlagen oder gar der Wegfall des Arbeitsplatzes verleiten dazu, Drogen als Bewältigungsmittel zu missbrauchen.

Eine Studie des „Zentralinstituts für Seelische Gesundheit“ (ZI) in Mannheim in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg legt nahe, dass der Alkoholkonsum seit Beginn der Pandemie bei mehr als einem Drittel der Erwachsenen gestiegen ist. 37,4 % der 3.200 Befragten gaben an, „mehr oder viel mehr Alkohol“ als vorher getrunken zu haben.

Parlamentarische Politik hat keine Antworten für uns

Suchterkrankungen sind ebenso wie andere psychische Leiden ein Risikofaktor für häusliche Gewalt.

Schon während des ersten Lockdowns stieg die Gewalt gegen Kinder laut einer Studie der Technischen Universität München (TUM) an. In 6,5% der Familien kam es zu körperlicher Gewalt. In Familien, in denen ein Elternteil von Angst oder Depressionen betroffen war, waren es sogar 14,3%. Wie stark Kinder Suchtkranker darunter litten, wird in der Statistik nicht erfasst. Es ist allerdings davon auszugehen, dass auch sie überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen waren und es auch im aktuellen Lockdown sind.

Anders als Kinder von Menschen aus systemrelevanten Berufen hatten und haben sie nämlich kein Anrecht auf eine Notbetreuung in Kitas, Schulen und Horten. Das sind jedoch häufig die einzigen Schutzräume für betroffene Kinder, die ihnen ein wenig Halt und Struktur bieten können.

Wissenschaftler:innen der TUM forderten deshalb für eine mögliche zweite Corona-Welle schon im Sommer letzten Jahres: „Es sollten Notbetreuungen für Kinder geschaffen werden, die nicht nur Eltern in systemrelevanten Berufen zur Verfügung stehen“. Bisher werden diese Kinder jedoch mit ihrer Situation allein gelassen – genauso wie ihre Eltern.


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