In London wurde die 33-jährige Sarah Everard auf ihrem Heimweg entführt und ermordet. Dringend tatverdächtig ist ein Elite-Polizist. Nun fordern Frauen Gerechtigkeit und organisierten ein öffentliches Gedenken – einige von ihnen wurden dabei gewaltsam festgesetzt.

Sarah Everard war am 3. März als vermisst gemeldet worden, weil sie nach einem Besuch bei einer Freundin nie Zuhause ankam. Tagelang bat die britische Polizei um Hinweise aus der Öffentlichkeit, um die junge Frau zu finden.

Während dessen saß ein 48-jähriger Elite-Polizist, Wayne C., schon wegen des Verdachts auf Entführung in Untersuchungshaft. Nachdem im Londoner Umland Teile von Sarah E.s Leiche gefunden wurden, erweiterte sich dieser Vorwurf um Mord. Außerdem wird dem Mann vorgeworfen, sich in der Öffentlichkeit entblößt zu haben.

Die Ermittler:innen geben bisher nur sehr spärliche Informationen über den Fall heraus. Es steht allerdings der Verdacht im Raum, dass der Täter seinen Dienstausweis nutzte, um Sarah E. in sein Auto zu locken.

Viele Frauen erleben Gewalt auf dem Heimweg

Dieser Fall hielt und hält das ganze Land in Atem. Das liegt wohl auch daran, dass viele Frauen in Großbritannien sich ohnehin auf dem Heimweg unsicher fühlen. 97 Prozent der Frauen in Großbritannien zwischen 18 und 24 Jahren gaben in einer jüngsten Umfrage der „UN Women“ an, schon einmal Belästigung in der Öffentlichkeit erlebt zu haben. Immerhin 47 Prozent berichten von fehlendem Vertrauen in die zuständigen Behörden.

Der Mord an helfen sich. rief eine Welle an Bekundungen von Trauer und Wut hervor, ermutigte aber auch viele Betroffene von sexualisierter oder frauenfeindlicher Gewalt auf dem Heimweg, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Dabei prangern sie auch an, dass die Regierung kein Interesse habe, das Sicherheitsgefühl von Frauen nachts allein zu verbessern. Forderungen sind etwa bessere Beleuchtung. Auch wenn Medien den Beruf des Täters und dass er ihn womöglich nutzte, um die Tat zu begehen, oft verschwiegen, findet der Vorschlag einiger Regierungsmitglieder zu mehr Polizeipräsenz wenig Anklang.

Währenddessen helfen sich viele Frauen gegenseitig, ihre Angst zu überwinden und teilen ihre Tipps für mehr Sicherheitsgefühl: z.B. auffällige Farben zu tragen, zu telefonieren oder zumindest so tun oder die Schlüssel als mögliche Waffe in der Faust zu tragen. Manche beschreiben, aus Angst keinen Alkohol zu trinken oder nur noch in flachen Schuhen auszugehen, um im Fall eines Übergriffs schnell wegrennen zu können.

Diese Anleitungen zur Selbsthilfe erhalten in sozialen Medien und auf den Protesten gemischte Resonanz. Denn oft gibt es die Forderung, dass nicht Frauen weitere Vorkehrungen treffen und sich noch weiter einschränken müssten, um abends und nachts das Haus verlassen zu können. Die Verantwortung für die Gewalt trügen die Täter.

So schrieben es auch die Organisatorinnen hinter #ReclaimTheseStreets: „Frauen sind nicht das Problem. Wir sind überzeugt, dass Straßen ein sicherer Ort für Frauen sein sollten, egal was du trägst, wo du wohnst oder welche Tages- oder Nachtzeit es ist. Wir sollten keine hellen Farben tragen oder unsere Schlüssel in der Faust verstecken müssen um uns sicher zu fühlen.“

Gedenken verboten

Am Samstagabend sollte deswegen ein Gedenken an Sarah E. stattfinden. Die zuständige Behörde sprach der Versammlung jedoch ein Verbot aus und verwies auf die Infektionsschutzmaßnahmen. Bei den Veranstalter:innen rief das Ärger hervor. Weil die Londoner Polizei noch wenige Tage zuvor hunderte Fußballfans ohne Ausschreitungen durch die Innenstadt begleiteten durfte, warfen sie der Behörde vor, dass das Verbot politisch motiviert sei.

Die Initiative „Reclaim these Streets“ (z.dt. „Diese Straßen zurückerobern!“) sammelte im Vorfeld 37.000 Pfund (43.200 Euro), um mögliche entstehende Kosten für Rechtsbeistand gemeinsam tragen zu können.

Mit ihrer Klage hatte die Initiative keinen Erfolg. Dadurch ließen sich einige Frauen dennoch nicht abhalten: Mit Blumen, Kerzen und Schildern organisierten sie am Samstagabend ein gemeinsames Gedenken für Sarah Everard – mit nur kurzer Zeit der gemeinsamen Trauer:

Bald darauf wurden Blumen und Kerzen von Polizist:innen „zertrampelt“, wie es eine Augenzeugin beschreibt. Polizeibeamt:innen kesselten die Versammlungsteilnehmerinnen ein, zwangen sie dazu, die Abstände zu unterschreiten und lösten die Versammlung gewaltsam auf.


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