„Er stand dann relativ nah bei uns und ich habe den ersten Schlag ins Gesicht bekommen.“ LGBTI+ – Feindlichkeit belässt es nicht bei nervigen Blicken und getuschelten Beleidigungen. Sie ist eine konkrete Gefahr. Wie alltäglich und angsteinflößend sie ist, hat sich am vergangenen Wochenende in der Frankfurter Innenstadt wieder einmal schmerzlichst gezeigt. – Ein Kommentar von Sakine Çiftçi

Es ist Samstagabend, die trans Frau Fabienne und eine befreundete Drag Queen sind zwischen 22 und 23 Uhr auf dem Rückweg von einem Livestream-Event der Show-Reihe „Night Queens“. Die beiden sind dabei, die Sachen der Drag Queen ins Auto zu bringen, als sie einer Gruppe von drei Männern begegnen. Der eine fängt an, ihnen transfeindliche Kommentare zuzurufen. Kurz darauf der Moment, in dem er ihnen näher kommt und der erste Schlag setzt. Als sie die Polizei rufen, flieht der Angreifer. Fabienne bricht zusammen und muss ins Krankenhaus gebracht werden, wo ihre Wunden genäht werden.

LGBTI+ – feindliche Gewalt häuft sich

Der transfeindliche Angriff am Wochenende ist kein Einzelfall. Noch im November wurde eine trans Frau in der Zeil, der größten Frankfurter Einkaufsstraße, von Jugendlichen zusammengeschlagen und am Boden liegend noch weiter getreten. Dieser Angriff wurde zuerst von der Polizei nicht einmal als transfeindliche Gewalt, die er offensichtlich war, aufgezeichnet. Auch gab es Ende letzten Jahres einen mutmaßlich homofeindlichen Übergriff in der Stadt, und bundesweite Statistiken zeigen, dass Straf- und Gewalttaten gegen LGBTI+ in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind.

Polizei als „Freund und Helfer“ oder zusätzliche Gefahr?

Nach diesem erneuten Fall LGBTI+ feindlicher Gewalt auf offener Straße werden die Stimmen lauter, die ein Ende der Angst für die betroffenen Menschen fordern. Um die Gewalt zu bekämpfen, gibt es Forderungen nach klaren Statistiken LGBTI+ feindlicher Gewalt bei der Polizei, außerdem nach gezielter Schulung von Polizei und Justizbeamt:innen im Hinblick auf den Umgang mit LGBTI+ feindlicher Gewalt. Auch die Forderung nach mehr Polizei und Überwachung ist in manchen Teilen der Community vermehrt zu hören. Dabei muss aber klar gestellt werden: dieselbe Polizei, die den NSU 2.0 fabriziert hat, die rund um die Auseinandersetzungen zwischen migrantischen Jugendlichen und Polizei auf der Alten Oper im vergangenen Sommer massenhaftes „racial profiling“ (rassistische Kontrollen aufgrund von Hautfarbe oder Aussehen) betrieben hat, soll auf einmal LGBTI+ Menschen schützen und für Sicherheit auf unseren Straßen sorgen? Eine Polizei, die von faschistischen Strukturen durchwachsen ist, kann für vieles, aber nicht für mehr Sicherheit für unterdrückte Menschen sorgen.

Die Forderungen nach Training und Studien etc. sind berechtigt und können vielleicht für ein bisschen mehr Sensibilität an manchen Stellen sorgen. Aber wenn wir die Gewalt gegen LGBTI+ auf den Straßen unserer Städte beenden wollen, dann können wir uns nicht auf die Repressionsorgane verlassen, die seit eh und je Aufstände von LGBTI+ wie in Stonewall niedergeschlagen haben. Wir müssen uns vielmehr fragen, wie wir uns gegenseitig schützen können und Strukturen dazu aufbauen können.


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