Weil es überall auf der Welt an Impfstoff fehlt, machte ein brisanter Fund italienischer Inspektor:innen Schlagzeilen. Sie fanden Mitte der Woche versteckte 29 Millionen Dosen des Astra-Zeneca-Impfstoffs. Damit könnte eine deutsche Milliardärsfamilie zu tun haben. Deren Patriarch ist der siebtreichste Mann Deutschlands und konnte im letzten Jahr sein Vermögen um über 40% steigern.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass italienische Beamte in einer Abfüllanlage des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca nahe Rom 29 Millionen Dosen Impfstoff gefunden haben. Das ist viel mehr als der Konzern bislang allen EU-Staaten zusammen ausgeliefert hat.

Wie der Spiegel nun berichtet, dürfte ein Großteil dieser Impfdosen aus der Produktion des Unternehmens „Halix“ kommen. Dieses hat eine Produktionsstätte in der niederländischen Stadt Leiden.

Im August schloss die EU einen Abnahmevertrag mit AstraZeneca. Dort wurde das Leidener Halix-Werk als einer von vier Produktionsstandorten für Europa festgemacht. Zwei der vier europäischen AstraZeneca-Fabriken sind in Großbritannien – und von dort ist bislang nicht eine einzige Dosis auf den Kontinent geliefert worden. Und die dritte Fabrik im belgischen Seneffe hat angeblich immer wieder technische Probleme, die den Ausstoß mindern. Die niederländische Firma ist also für die Versorgung der EU zentral, soll aber wohl wichtige Tranchen nach Großbritannien geliefert haben.

Erst am Mittwoch dieser Woche hat AstraZeneca die Zulassung dieses Werks bei der EU beantragt. Und das obwohl die niederländische Fabrik laut Spiegel schon seit Dezember geschätzte fünf Millionen Dosen pro Monat produziert. Ein Teil davon dürfte sich nun in Italien wiedergefunden haben, ein anderer im Vereinigten Königreich. Dort sollen im Dezember sogar die meisten Dosen aus den Niederlanden gekommen sein.

Deutscher Patriarch

Besonders brisant: Hinter der niederländischen Firma steckt eine deutsche Milliardärsfamilie. Denn Halix ist eine Tochter der niederländischen Firma „HAL Allergy“ – die wiederum zum Düsseldorfer Beratungs- und Investmentunternehmen „Droege Group“ gehört. Sie ist nach dessen Gründer-Familie Droege benannt.

Die Droege Group investiert in verschiedensten Bereichen vom Cloud-Marketplace über Medizintechnik bis hin zum „Weltbild“-Verlag und beschäftigt weltweit fast 60.000 Mitarbeiter:innen. Das Wachstum betrug im vergangenen Jahr 9,5%.

Ihr Patriarch, Walter P. J. Droege, ist laut Forbes der siebtreichste Mensch Deutschlands und der 86. reichste Mensch der Welt. Er hat sein Vermögen im letzten Jahr von 9 Milliarden US-$ (2019) auf 13 Mrd. US-$ (2020) um rund 40% gesteigert. Er gehört zu denjenigen, die in der Krise also mächtig Profit machen. Seine Frau Hedda, mit der er 1988 die Droege Group gegründet hat, liegt mit 3,8 Milliarden Dollar (etwa 3,3 Milliarden Euro) auf Platz 514. 2018 stieg der gemeinsame Sohn Ernest in das Familienunternehmen ein und übernahm von seinem Vater den Vorstandsvorsitz.

Machtkämpfe

Warum genau eine niederländische Firma, die einer deutschen Familien-Holding gehört, für das Vereinigten Königreich produziert und möglicherweise danach Impfstoff versteckt hält, ist noch unklar.

Das Unternehmen bewegt sich in einem komplexen Machtkampf zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union rund um die Impfstoffvergabe, bei der die EU den teuren aber hochwirksamen BioNTech/Pfizer-Impfstoff maßgeblich kontrolliert und das Vereinigte Königreich das günstigere AstraZeneca-Serum.

Bis heute will sich die Droege Group nicht zu den Hintergründen des versteckten Impfstoffs äußern. Übrigens hat AstraZeneca noch einen zweiten Abfüll-Standort: Dessau in Sachsen-Anhalt. Von dort sind bislang keine Durchsuchungen bekannt.


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