Immer häufiger werden in Städten mit hohen Inzidenzwerten Ausgangssperren verhängt, zuletzt kamen sie auch im Entwurf für die Änderungen des Infektionsschutzgesetzes durch den Bund als zukünftig verbindliche Maßnahme vor. Expert:innen, insbesondere Aerosolforscher:innen, halten diese Entscheidung für falsch und schrieben nun in einem offenen Brief an die Bundes- und Landesregierungen.

Der Entwurf für die Änderung des Infektionsschutzgesetzes, der durch die Bundesregierung vorgelegt wurde, schreibt auch die sogenannte automatische „Notbremse“ fest. Diese sieht unter anderem eine Ausgangsbeschränkung für Städte mit einem 7-Tages-Inzidenzwert über 100 je 100.000 Einwohner:innen an drei aufeinander folgenden Tagen vor. Die weitgehend umstrittene Maßnahme wird nun auch von Aerosolforscher:innen kritisiert.

„Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt.“, so Christof Asbach, Präsident der „Gesellschaft für Aerosolforschung“ (GAeF). Stattdessen würde man sich eher auf „symbolische“ Maßnahmen wie die Maskenpflicht im Freien verlassen, diese habe jedoch keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen.

Unter Aerosolforscher:innen ist man sich einig, dass die Gefahr innen und nicht in Parks lauert. Übertragungen im Freien seien äußerst selten und im Gegensatz zu Übertragungen im Innenraum seien bei ihnen nie sogenannte „Clusterinfektionen“ zu beobachten. „Clusterinfektionen“ beschreiben dabei das Phänomen, dass sich gleich eine ganze Gruppe an Menschen infiziert. Diese Infektionen passiert eben vor allem in Innenräumen, z.B. in Altenheimen, Wohnheimen und Sammelunterkünften, Schulen, am Fließband oder bei Veranstaltungen, Chorproben oder Busfahrten.

In ihrem Brief schreiben die Forscher:innen: „Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass drinnen die Gefahr lauert.“ Aus Sicht der Forschenden mangelt es gerade an dieser Sensibilisierung, die öffentliche Debatte bilde nicht den wissenschaftlichen Erkenntnisstand ab.

Viele Menschen hätten „falsche Vorstellungen über das mit dem Virus verbundene Ansteckungspotential“. Maßnahmen wie Verbote, sich in Parks zu treffen, beliebte Strecken für Spaziergänge komplett zu sperren oder auch die geplante nächtliche Ausgangssperre als Teil der Bundesnotbremse ließen einen falschen Eindruck entstehen. Man würde den Menschen das Gefühl vermitteln, dass es draußen gefährlich sei, dabei seien vor allem Innenräume das Problem. Dadurch würde man jedoch „heimliche Treffen in Innenräumen“ gerade nicht verhindern, sondern man erhöhe lediglich die Motivation, sich den staatlichen Anordnungen zu entziehen.

Der Biophysiker Gerhard Scheuch ist Mitunterzeichner des offenen Briefs. Er bestätigt, dass sich diese Erkenntnis der Forscher:innen auch auf Sport im Freien übertragen lasse. Momentan gelten für den Breiten- und Nachwuchssport in vielen Bundesländern gravierende Beschränkungen. Scheuch beruft sich bei seiner Aussage auf eine Studie aus Irland. Bei dieser wurden mehr als 200.000 Neuinfektionen untersucht, nur 0,1% davon hätten laut der Studie im Freien statt gefunden.

Das Ansteckungsrisiko bei Aktivitäten oder Sport im Freien ist danach also als äußerst gering einzustufen: „Man braucht einfach längere Kontakt-Zeiten im Freien. Also ich denke mindestens 15 Minuten, sodass man sich überhaupt infizieren kann. Und die hat man halt bei den normalen Sportarten im Freien ja nicht, weder beim Fußball noch bei vielen anderen Sportarten“, erklärt Scheuch.

In ihrem Brief schreiben die Forschenden einige „goldene Regeln“ auf, die ihrer Meinung nach dringend und unvermeidlich beachtet werden müssen:

„1. Infektionen finden in Innenräumen statt, deshalb sollten sich möglichst wenige Menschen außerhalb ihres Haushaltes dort treffen. Zusätzlich muss man beachten, dass in Innenräumen auch dann eine Ansteckung stattfindet, wenn man sich nicht direkt mit jemandem trifft, sich aber ein Infektiöser vorher in einem schlecht belüfteten Raum aufgehalten hat!

2. Man sollte die Zeiten der Treffen und die Aufenthaltszeiten in Innenräumen so kurz wie möglich gestalten.

3. Man sollte durch häufiges Stoß- oder Querlüften Bedingungen wie im Freien schaffen.

4. Das Tragen von effektiven Masken ist in Innenräumen nötig. In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen. Dabei ist zu beachten, dass der Dichtsitz der Maske für ihre Effektivität mindestens genauso wichtig ist, wie die Abscheideeffizienz des Materials.

5. Raumluftreiniger und Filter sind überall dort zu installieren, wo Menschen sich länger in geschlossenen Räumen aufhalten müssen (Wohnheime, Schulen, Alten- und Pflegeheime, Betreuungseinrichtungen, Büros und andere Arbeitsplätze).

6. In großen Hallen und Räumen ist die Ansteckungsgefahr viel geringer als in kleinen
Versammlungsräumen. Wenn man also wieder Theater, Konzerte und Gottesdienste stattfinden lassen will, sollte das in großen, gut gelüfteten Hallen stattfinden oder wenn möglich ins Freie ausgewichen werden.“


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