Es ist in der Politischen Widerstandsbewegung hierzulande zuletzt still geworden um die Tamil:innen, eine unterdrückte Nation, die in Indien und Sri Lanka beheimatet ist. Besonders in Sri Lanka werden die „Eelam Tamil:innen“ scharf unterdrückt und kämpfen für einen unabhängigen, tamilischen Staat. Doch was hat Deutschland mit den Zuständen in Sri Lanka zu tun und wie profitiert es davon? – Ein Kommentar von Julius Strupp

Deutschland in Sri Lanka

Deutschland bildet laut Angaben des Auswärtigen Amts den drittgrößten Absatzmarkt für die Wirtschaft Sri Lankas. Die BRD ist außerdem die zweitgrößte Investorin der Europäischen Union. Die Importe aus Sri Lanka seien im Wert etwa doppelt so hoch wie unsere Exporte in den asiatischen Inselstaat. Nach Angaben von dessen Botschaft sind es vor allem deutsche Weltmonopole und Konzerne, die in „Bekleidung, Strickwaren, Surfsegel, Textilien, elektronische Produkte, Maschinenbau, Gummiprodukte wie Reifen und Autoersatzteile, Kokosprodukte, Holzspielzeug, Chemikalien und Bleichmittel, Juwelen und Edelsteine sowie Tourismus“ aktiv seien. Zu den führenden Unternehmen zählen dabei unter anderem Ableger von „BMW“, der „Kramski GmbH“ sowie deren Tochterfirma „Lanka Hiqu Ltd“ und „BASF“. Diese beliefern Deutschland unter anderem mit Magnetköpfen, Stahlzylindern, Autos sowie zugehörigen Ersatzteilen und Chemikalien.

Neben der Bekleidungsbranche und diversen Infrastrukturprojekten ist zudem die IT-Branche bei ausländischen Monopolen sehr gefragt. Warum das so ist, zeigt sich mit einem Blick auf die Seite der sri-lankischen Botschaft. Dort werden die Preise für die Arbeitskraft verschiedener IT-Arbeiter:innen aufgeschlüsselt. Diese liegen natürlich weit unter denen in Deutschland und versprechen den deutschen Unternehmen somit einen größeren Profit.

In klassisch imperialistischer Manier lässt sich die BRD für den Kapitalexport einen gesicherten Absatz sri-lankischer Produkte in Deutschland garantieren. Doch auch andere Bedingungen sind an die Investitionen und Exporte geknüpft. So hat sich Deutschland in bilateralen Abkommen einen Schutz vor Verstaatlichung ausgehandelt.

Die Unterdrückung der Tamil:innen

Im sri-lankischen Staat sind die singhalesischen Kapitalist:innen, die mit dem ausländischen Kapital verwachsen sind, die bestimmende wirtschaftliche und politische Kraft. Daneben existiert die unterdrückte Nation der Tamil:innen, deren Territorium sich auch auf Indien erstreckt.

In Sri Lanka leben etwa 3 Millionen Tamil:innen bei einer Gesamtbevölkerung von rund 21 Millionen. Sie bilden die größte nationale Minderheit und bewohnen vor allem den Norden und Osten des Landes. Sie haben eine eigene Kultur und Sprache mit einer mehr als 2.000 Jahre alten Literaturgeschichte.

Vor allem in Sri Lanka werden die Tamil:innen brutalst unterdrückt. Erst 2009 endete der Bürgerkrieg nach der Ermordung der gesamten Führung der „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE) durch den sri-lankischen Staat.

Diese hatten seit Anfang der 1980er-Jahre einen bewaffneten Kampf für einen unabhängigen Staat „Tamil Eelam“ im Norden und Osten der Insel geführt und auch große Teile des Gebietes faktisch beherrscht.

Für die BRD, die nach eigener Aussage seit über 60 Jahren mit ihren Großkonzernen im sri-lankischen Staat aktiv ist, war damals dessen Stabilität und die Schaffung von „friedlichen“ Ausbeutungsbedingungen für sein angelegtes Kapital von großer Bedeutung. Aus diesem Grund wurde das Schwergewicht der „Entwicklungszusammenarbeit“ seit 2006 – dem Jahr, in dem der Waffenstillstand zwischen Regierung und den LTTE gebrochen wurde – auf das Gebiet „Konflikttransformation und Friedensförderung“ verlagert. Diese „Friedensförderung“ bestand dann in der gewaltsamen Niederschlagung der LTTE, bei der auch Kriegsverbrechen begangen wurden. So ließ man unter anderem für ein halbes Jahr keine Lebensmittellieferungen in eingekesselte Gebiete zu, um die tamilische Bewegung auszuhungern. Dadurch wurde das Leben von hunderttausenden Menschen gefährdet.

Auch heute noch versucht die BRD, mit Methoden „sozialer Integration“ und der „Aussöhnung“ in Zusammenarbeit mit ihren Institutionen wie dem Goethe-Institut der nationalen Befreiungsbewegung der Tamil:innen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Heute erleben die Tamil:innen im sri-lankischen Staat eine besondere Unterdrückung, die von einem wirklichen Frieden weit entfernt ist. Ihre Dörfer werden ihnen genommen, ihre Ernte wird von singhalesischen Soldat:innen eingebracht. Sie werden in sogenannten „Modelldörfern“ und Vertriebenencamps untergebracht, die Behörden tun nichts gegen alltägliche Vergewaltigungen tamilischer Frauen durch singhalesische Soldaten. Letztere untergraben auch die Moral der Bevölkerung durch den Verkauf von Drogen. Gedenkfeiern für die gefallenen Tamil:innen aus dem Bürgerkrieg sind verboten. Seit dem Ende des Befreiungskampfes haben auch die Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Kasten wieder an Bedeutung gewonnen, und die patriarchale Gewalt hat zugenommen. Singhalesisch-buddhistische Mönche stacheln die Bevölkerung zum Sturm von tamilischen Moscheen an. Die im Norden errichteten Geschäfte und Hotels gehören singhalesischen Kapitalist:innen, die bevorzugt Singhales:innen einstellen. Eine Industrie hat sich nicht entwickelt.

Zuletzt hatte auch der Präsident Rajapaksa wieder den Kurs gegen die Tamil:innen verschärft und dafür Kritik vom UN-Menschenrechtsrat für massive Menschenrechtsverletzungen an religiösen und nationalen Minderheiten geerntet.  Unter anderem ermöglicht ein neues „Antiterrorgesetz“, Menschen, die die „ethnische oder religiöse Harmonie“ stören, ohne Gerichtsurteil für bis zu zwei Jahre zu verhaften.

Die BRD und die Tamil:innen

Von der verstärkten Unterdrückung und Ausbeutung der Tamil:innen profitieren auch die BRD und die deutschen Konzerne. So arbeiten viele Tamil:innen als Tagelöhner:innen auf Baustellen im Rahmen der Infrastrukturprojekte, die auch von deutscher Seite aus unterstützt werden.

Um möglichst gute Bedingungen für die Verwertung ihres Kapitals zu haben, ist es für die deutschen Kapitalist:innen ebenso von Bedeutung, die Stabilität des singhalesischen Staates zu erhöhen. Sie sind also unmittelbar daran interessiert, dass reaktionäre buddhistische Mönche oder auch Islamisten die verschiedenen Nationen im sri-lankischen Staat gegeneinander aufhetzen.

Andererseits versucht Deutschland mit Angeboten der „Aussöhnung“ und „Integration“ vor Ort, sowie durch Repression innerhalb der eigenen Staatsgrenzen, der tamilischen Befreiungsbewegung den Garaus zu machen. So wurden Ende März trotz Protesten 31 tamilische Aktivist:innen nach Sri Lanka abgeschoben, wo sie alles andere als „sichere“ Bedingungen vorfinden werden. Nur die Abschiebung von vier Menschen konnte verhindert werden. Diese wurden mit krudesten Methoden in Abschiebehaft verbracht. So wurde ihnen beispielsweise eine Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung in Aussicht gestellt.

In Deutschland stehen die fortschrittlichen Menschen vor der dringenden Aufgabe, gegen die politische Repression gegen die Tamil:innen und die Beteiligung der BRD an der kolonialen Politik des singhalesischen Staates anzukämpfen und für das Selbstbestimmungsrecht der tamilischen Nation einzustehen.


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