Ein Erdbeben erschütterte in der Nacht zum Montag den europäischen Fußballsport. 12 Klubs aus England, Spanien und Italien haben beschlossen, „so schnell wie möglich“ in die schon viel diskutierte „Super League“ starten zu wollen. Diese wird den Vereinssport und seine Wettbewerbe auf den Kopf stellen und das ganze Geschäft Fußball aus den Angeln heben. – Ein Kommentar von Emanuel Checkerdemian

Die „Gründerklubs“ stellen dabei die Machtfrage und wollen der UEFA das Monopol auf den europäischen Fußball entreißen. Ein Machtkampf, der den herkömmlichen Fan-Milieus die ohnehin schon entfremdeten europäischen Wettbewerbe vollends madig machen wird. Die Klubs der Bundesliga reagieren bis jetzt noch sehr zurückhaltend.

Die neue „Super League“

FC Liverpool, Manchester United, Manchester City, FC Arsenal, FC Chelsea, Tottenham Hotspur, Real Madrid, FC Barcelona, Atlético Madrid, Juventus Turin, Inter Mailand und AC Milan. Das sind die zwölf Klubs, die in der Nacht zum Montag die Bombe haben platzen lassen. Man werde einen eigenen europäischen Wettbewerb schaffen, der unter der Woche stattfinden soll. In direkter Konkurrenz also zu den Wettbewerben der UEFA, die den europäischen Fußball eigentlich organisiert und kontrolliert. In einem, von allen zwölf Klubs verbreiteten, Kommuniqué heißt es, dass man diese Liga selbst verwalten wolle. Als Präsident wurde der Real Madrid-Chef Perez ernannt. Künftig wolle man die „Super League“ also im August starten.

Drei Klubs sollen noch als „Gründerklubs“ hinzustoßen. Schaut man sich die europäische Fußballlandschaft an, kommen dafür eigentlich nur der FC Bayern, Borussia Dortmund und Paris Saint Germain in Frage. Unter Umständen vielleicht auch RB Leipzig. Diese 15 Klubs plus weitere fünf Teams, die sich über ein nicht weiter definiertes Qualifikationsverfahren klassifizieren sollen, treten dann in zwei Zehner-Gruppen gegeneinander an. Die ersten drei jeder Gruppe qualifizieren sich fürs Viertelfinale, die Vierten spielen gegen die Fünften die beiden anderen K.O.-Runden-Plätze aus.

Die Top-Kandidaten für die drei weiteren „Gründerplätze“, also der FCB, der BVB und PSG, lehnen eine Teilnahme am neuen Wettbewerb bisher jedoch ab. Borussen-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke verurteilte in einem Statement die Gründung der „Super League“ und bekräftigte, dass Borussia Dortmund, genauso wie der FC Bayern und alle Mitglieder der „European Club Association“ (ECA) – ausgenommen die Beteiligten an der „Super League“ – die Reformen der UEFA in der Champions League unterstützen und den Vorstoß der zwölf Klubs ablehnen. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie lange sich die genannten Unternehmen aus der Bundesliga und der Ligue 1 eine solch ablehnende Haltung finanziell erlauben können. Denn mit der New Yorker Bank „JPMorgan Chase“ steht bereits ein finanzstarker Sponsor im Haus, der allein die Teilnahme der „Gründerklubs“ an der „Super League“ mit 3,5 Milliarden Euro dotieren will.

UEFA Champions League und Europa Conference League

Dabei ist es bei weitem nicht so, als wären die Pläne der UEFA langfristig weniger gefährlich für den europäischen Spitzensport. Mit der am Montag dann endgültig beschlossenen „Champions League“ (UCL)-Reform kommt es auch in der bisherigen Königsklasse zu einschneidenden Neuerungen: Mehr Teams, mehr Spiele, mehr Geld. Ein undurchsichtiges Turniersystem und eine „Koeffizientenregel“, die „bewährten Teams“ die Teilnahme an der Champions League ermöglicht, auch wenn sie sich sportlich nicht qualifizieren. Die Entwertung des nationalen Ligensystems wird damit genauso vorangetrieben, wie es der Versuch der „Super League“ tut.

Auch die ab kommender Saison startende „Europa Conference League“ (ECL) in der sich mittelmäßige Klubs aus Top-Ligen mit den Top-Klubs der Fußballperipherie messen können, schlägt in diese Kerbe. So wird die Euro-League (UEL), die zwischen UCL und ECL steht, noch unattraktiver gemacht und Startplätze der Top-Ligen an einen Wettbewerb verschwendet, in em sonst Mannschaften aus Nordirland gegen welche aus Aserbaidschan antreten. Die Pläne der bisherigen Monopolinhaberin, der UEFA, führen also auch zur Stärkung der großen Clubs und Unternehmen, während kleinere Vereine kaum noch eine Art „Chancengleichheit“ haben. Geld schießt eben doch Tore.

Nichtsdestotrotz sind die Pläne der UEFA gegenüber denen des Trusts der zwölf Vereine vergleichsweise harmlos. „Fußballmärchen“, in denen „kleinere“ Klubs große europäische Geschichten schreiben, wie es bei Ajax Amsterdam, AS Roma oder auch Eintracht Frankfurt in den letzten Jahren der Fall war, werden immer weiter erschwert. In den Plänen der konkurrierenden „Super League“ und ihrer Gründerklubs ist eine Teilnahme solcher „kleineren“ Vereine aber schlicht nicht mehr vorgesehen. Nur noch die neuen Monopolkapitalist:innen, also die 15+5, werden am Geldtopf sitzen und ihre exklusive Show abziehen – für die Wertigkeit des internationalen Vereinsfußballs, aber vor allem auch für die nationalen Ligen eine Katastrophe. Prompt reagierten UEFA und die Landesverbände, kritisierten den Vorstoß scharf und drohten mit erheblichen Konsequenzen.

„Die Spieler, die in der Super League spielen, werden keine WM und EM mehr spielen können, sie werden nicht mehr ihre Nationalmannschaft vertreten können“, sagte der UEFA Präsident Ceferin. Auch ein Ausschluss aus internationalen, sowie Bestrafungen in den nationalen Wettbewerben stehen im Raum. Die betroffenen Landesverbände unterstützen dies. Die totale Eskalation zwischen dem Trust der zwölf englisch/spanisch/italienischen Klubs und der Monopolinhaberin UEFA, sowie ihrer Mitglieder, ist also nun nach langer Ankündigung eingetreten. Eine Auseinandersetzung, unter der Fußballfans nur leiden können.

Der Druck der UEFA scheint so groß zu sein, dass die geplante „Super League“ bereits in der Nacht zum Mittwoch wieder vor dem Aus stand.

Fußball als Sport der Arbeiter:innenklasse

Nun braucht man sich an dieser Stelle nicht die Realität zu verklären. Der Fußballsport ist seit Jahrzehnten durch und durch von der kapitalistischen Verwertungslogik durchdrungen. Wahnsinns-Ablösesummen für Spieler wie Neymar sind in dieser Logik legitim, weil das Geschäft Fußball ein solch umfangreiches Zirkulationskapital längst geschaffen hat.

Die gute alte Holztribünen-Romantik ist eben Vergangenheit, und im Profisport werden Arbeiter:innen durch hohe Eintrittspreise etc. immer weiter verdrängt. Kleinbürger:innen und Bonzen prägen die Tribünenlandschaft immer stärker. Und dabei hinkt Deutschland noch weit Ländern wie England hinterher.

Und trotz all dem birgt der Fußball bis zum heutigen Tag immer wieder die kleinen und großen Wunder in sich, die diese Kapitalisierung des Sports auf den Kopf stellen. Wenn Holstein Kiel beispielsweise die großen Bayern im DFB Pokal schlägt oder ein Abstiegskandidat wie Leicester City am Ende der Saison plötzlich englischer Meister ist, wenn sich zehntausende Menschen in den Armen liegen, weil sich ihr kleiner irischer Club aus Glasgow über die Übermacht von Messi, Xavi und Iniesta erhoben hat, dann sind das die Momente, an die sich Menschen Jahrzehnte freudig erinnern.

Diese letzte Bastion des „romantischen Fußballs“ ist mit der neuen „Super League“ im Begriff zu sterben. Und auch mit den Reformen der UEFA schaufelt man das Grab des Populärsports. Nur eben langsamer.


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