Die Thüringer Opferberatungsstelle „ezra“ hat Mitte April ihre neue Jahresstatistik für das Jahr 2020 vorgestellt. Die Gewalt ist leicht zurückgegangen, allerdings hat sich das Gewaltpotential verschärft. Auch ein Mord musste mit aufgenommen werden.

Die Thüringer Opferberatungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt hat in einer aktuellen Pressemitteilung die Statistiken für das 2020 veröffentlicht. Insgesamt 102 Gewaltstraftaten wurden bei der Beratungsstelle registriert. Mindestens 155 Menschen waren davon betroffen. In der Pressemitteilung wird ausschließlich von Gewalttaten, Nötigungen, versuchten Tötungen, Brandstiftung und Tötung gesprochen. Ausgenommen sind Beleidigungen oder Sachbeschädigungen.

Insgesamt 62 der 102 Gewalttaten sind hierbei aus einem rassistischen Motiv verübt worden. 24 Verbrechen wurden gegen politische Gegner:innen verübt. Sechs weitere „gegen Nichtrechte oder Alternative“. Jeweils zwei Verbrechen wurden gegen politische Verantwortungsträger:innen, LGBTI+, Journalist:innen und aufgrund von Antisemitismus verübt. Zwei weitere Gewalttaten sind bisher aus unbekannten Gründen von Faschist:innen verübt worden. Hinzu kommen all jene Angriffe, die nicht angezeigt oder auf andere Weise öffentlich bekannt wurden.

Die Opferberatungsstelle zieht damit ein niederschmetterndes Fazit für den von der Partei die Linke regierten Freistaat Thüringen: „Im vergangenen Jahr wurden jede Woche mindestens drei Menschen Opfer rechter Gewalt in Thüringen.“

Staatsanwaltschaft sieht kein rechtes Motiv

Trauriger Höhepunkt ist der Mord an einem 52-Jährigen in Altenburg. Zwei Männer haben den Mann aus homophoben und chauvinistischen Motiven getötet. Während die Opferberatung ezra dafür kämpft, dass der Mord als faschistisch motivierte Tat angesehen wird, leugnet die Staatsanwaltschaft eben dieses Motiv. Sie spricht von einem „heimtückischen Mord“ und davon, dass die Täter dem Opfer in seiner Wohnung einen „Denkzettel“ verpassen wollten.

Faschist:innen schüchtern ein

Hauptschwerpunkt sämtlicher Gewalttaten ist Erfurt. Mit insgesamt 31 Straftaten verschaffen sich die Faschist:innen in Erfurt immer mehr Raum und schüchtern die Bevölkerung ein: „In einigen Stadtteilen hat sich über Jahre hinweg ein Angstraum fest etabliert, in dem rechte und rassistische Hetze, Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt zum Alltag gehören. Wir nehmen nicht wahr, dass die Verantwortlichen in Stadtpolitik und städtischen Behörden den Ernst der Lage ausreichend verstanden haben“, resümiert Theresa Rauß von ezra.

Erst letzten Freitag kam es erneut zu einem brutalen Angriff auf einen minderjährigen Syrer in einer Erfurter Straßenbahn. Hierbei beleidigte der Mann den Jugendlichen rassistisch, trat mehrmals gegen seinen Kopf und zertrümmerte sein Handy. Die verstörenden Szenen wurden mit einem Handy gefilmt. Auch in diesem Fall gab es keine Zivilcourage Umstehender, ähnlich wie in einem anderen Fall aus Leipzig.


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