Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hat erstmals die katastrophale wirtschaftliche Lage seines Landes eingeräumt und spricht von der „schlimmsten Situation“ in der Geschichte. Es drohe eine Hungersnot wie in den 1990er Jahren, als mutmaßlich hunderttausende Nordkoreaner:innen starben. Kims dramatische Erklärungen fallen in eine Zeit, in der sich die Spannungen Nordkoreas mit den USA wieder verschärft haben.

Kim Jong Uns Worte könnten dramatischer kaum sein. Der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA zufolge sprach der nordkoreanische Machthaber von der „schlimmsten Situation“ in der Geschichte des Landes. Die Rede hielt er auf einer Tagung vor mehreren tausend Sekretär:innen von Basiszellen der regierenden Partei der Arbeit Koreas, die er auf die Einhaltung der Beschlüsse des Parteitags vom Januar einschwor: „Den Lebensstandard der Menschen zu verbessern – selbst in der schlimmsten Situation, die wir mit beispiellos zahlreichen Herausforderungen bewältigen müssen – hängt von den Zellen ab, den Basisorganisationen der Partei“.

Kurz darauf verglich Kim die wirtschaftliche Lage Nordkoreas mit den 1990er Jahren, als eine Hungersnot vermutlich Hunderttausende Menschenleben gekostet hat.

Landwirtschaft schon seit Jahren am Boden

Auf die desaströse Lage der nordkoreanischen Landwirtschaft hatten Beobachter:innen der Vereinten Nationen und des Welternährungsprogramms (WFP) schon im Frühjahr 2019 hingewiesen.

Nordkorea testet erneut Raketen

Das chronische Problem der mangelnden landwirtschaftlichen Nutzflächen des Landes war zuvor durch neue UN-Sanktionen dramatisch verschärft worden. Mindestens 10 Millionen Menschen seien von Hunger bedroht, hieß es damals. Inzwischen dürfte die Situation angesichts der anhaltenden Sanktionen, der Corona-Pandemie und von Überschwemmungen im vergangenen Sommer noch viel schlimmer sein. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.(RND) zufolge hätten ausländische Beobachtergruppen bislang jedoch noch keine Anzeichen für massenhaftes Verhungern vermeldet.

Verschärfung der Spannungen mit den USA

Die anhaltenden Sanktionen stehen im Zusammenhang mit den festgefahrenen Verhandlungen mit den USA über eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Nachdem das letzte Gipfeltreffen zwischen Kim Jong Un und dem früheren US-Präsidenten Donald Trump im Februar 2019 gescheitert war, hat sich das Verhältnis zwischen beiden Staaten sowie zwischen Nord- und Südkorea wieder verschärft. Ausdruck hiervon war unter anderem die spektakuläre Sprengung des Verbindungsbüros von beiden koreanischen Staaten durch Nordkorea im vergangenen Sommer.

Nach einer verhältnismäßig ruhigen Phase rund um die US-Wahl im November führte der ostasiatische Staat im März dann erstmals seit einem Jahr wieder Raketentests durch. Der neue US-Präsident Joe Biden bezeichnete die Frage des nordkoreanischen Atomarsenals danach als das wichtigste außenpolitische Thema seiner Regierung und drohte, die USA und ihre Verbündeten würden „entsprechend antworten“, sollte Nordkorea die Lage eskalieren. Beide Staaten sendeten jedoch auch Signale, dass sie zu einer Fortsetzung diplomatischer Gespräche bereit seien.

Kims Schilderung der dramatischen Lage in Nordkorea könnte den Verhandlungsprozess mit Südkorea und den USA beeinflussen. Ein chaotischer Zusammenbruch des hochmilitarisierten Atomstaates dürfte jedenfalls weder im Interesse seiner Nachbarländer China und Russland noch der USA und Südkoreas sein.

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