Seit dem rassistischen Anschlag von Hanau im Februar 2019 steht die Hanauer Polizei in der Kritik, in der Mordnacht nicht richtig reagiert zu haben. Nun zeigt sich erneut ein skandalöses Verhalten: nachdem zwei junge Menschen mit Migrationshintergrund abends von einem Mann mit einer Waffe bedroht wurden, wimmelt die Polizei einen Notruf ab. Am nächsten Tag wird ein Hilfesuchender auf der Hanauer Polizeiwache beschimpft und es wird ihm mit Gewalt gedroht.

Wie aus einem Bericht des Hessischen Rundfunks hervorgeht, erlebten zwei junge Menschen Ende April eine mutmaßlich rassistisch motivierte Bedrohung mit einer Waffe. An einem Abend hielten sich die 28-jährige Nicki Chandler mit ihrem 24-jährigen Freund Abdulkerim Saglam am Waldparkplatz in Hanau auf, um gemeinsame Zeit zu verbringen.

Plötzlich habe sie ein Autofahrer angeleuchtet und geblendet, zuerst mit einer Taschenlampe, wenige Minuten später dann auch mit dem Fernlicht des Autos. „Da bin ich zu dem Auto gelaufen, um zu fragen, was das soll“, beschreibt der 24 Jahre alte Saglam die Situation gegenüber dem Hessischen Rundfunk. „Durch das blendende Licht konnte ich zuerst nichts erkennen. Als ich an den Scheinwerfern vorbei war, konnte ich sehen, wie er da stand: mit der Hand an der Waffe.“, so Saglam.

Der Mann in Jagdkleidung habe am Hosenbund ein Pistolenhalfter getragen und die Waffe bereits halb aus dem Holster gezogen, sich dann aber beruhigen lassen. Schließlich sei er ohne Erklärung davongefahren. „Wir standen beide komplett unter Schock“, berichtet Chandler.

Polizei wimmelt Notruf ab

Anschließend haben die Beiden den Notruf gewählt, der in der Polizeistation am Freiheitsplatz in der Hanauer Innenstadt angenommen wurde. Doch am Telefon habe man ihre Berichte nicht ernst genommen. Man habe ihnen sogar mit einer einer Anzeige wegen des Verstoßes gegen die nächtliche Ausgangssperre gedroht. Das Telefonat sei daraufhin vom Polizisten beendet und weitere Kontaktversuche geblockt worden.

„Die haben uns abgewimmelt“, so Nicki Chandler. Dabei sei in diesem Moment „irgendein Irrer mit einer Knarre rumgefahren“.

Am nächsten Tag: Beleidigungen und Drohungen

Am Folgetag geht Saglam dann persönlich zur Polizeistation um eine Anzeige aufzugeben. Dort wird ihm jedoch der Zutritt verwehrt. Es kommt zu einem etwa zweiminütigen Gespräch über die Gegensprechanlage, von dem eine Aufzeichnung existiert. Demnach beleidigt der Polizist den jungen Mann: „Du sollst dich jetzt verpissen, du Vollidiot!“. Er wolle nicht mit ihm reden, denn es gebe „keinen Grund, warum wir jetzt reden“. Zuletzt droht er noch: Bei erneutem Klingeln werde er (der Polizist) rauskommen und den Hilfesuchenden „in die Zelle stecken“.

Gegenüber dem HR zeigen sich beide Betroffenen über diese Polizeireaktion schockiert: „Vertrauen existiert da eigentlich nicht mehr“, so Chandler. Und Saglam erklärt, dass er hoffe, dass die Geschichte „nicht wieder unter den Teppich gekehrt wird und gesagt wird, dass es wieder ein Einzelfall war.“

Dies scheint von Politiker:innen nur bedingt ernst genommen zu werden: Die SPD-Vorsitzende in Hessen, Nancy Fraser, kritisiert zwar den Vorfall, erklärt aber auch, dass es sich natürlich um einen Einzelfall handle und damit andere Polizisten beschädige. Auch die Linkspartei spricht lediglich von einem „Staatsversagen“. Dabei wurde hier offenbar nicht „versagt“, sondern ganz bewusst eine Strafverfolgung verhindert. Bisher wurde zudem nur ein Disziplinarverfahren gegen den Polizisten eröffnet und er wurde versetzt.

Erinnerungen an das Hanau-Attentat

Bereits in der Nacht des 19. Februar, als in Hanau ein Mann aus rassistischen Motiven 9 Migrant:innen ermordete, zeigte die Polizei ähnliches Verhalten. Insgesamt registrierte die Notrufzentrale nach Recherchen des Magazins Monitor nur fünf Anrufe aus Hanau, wobei es offensichtlich mehr waren. Die zwei Apparate waren nämlich nicht durchgängig besetzt, und eine Rufumleitung zu einer Leitstelle war nicht eingerichtet. Viele Anrufe wurden damals weder registriert noch aufgezeichnet. Es erfolgten zudem keine Rückrufe. In der Polizeiwache der Innenstadt war überhaupt nur ein Beamter anwesend, um Notrufe anzunehmen.

Zum neuen Vorfall schreibt deshalb die Organisation NSU-Watch auf Twitter, die Polizei habe nichts aus dieser Mordnacht gelernt.

 


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.