Medizinische Versorgung ist nicht strafbar – oder doch? Seit dem Jahr 1871, also seit genau 150 Jahren, steht der Schwangerschaftsabbruch im deutschen Strafgesetzbuch. Ebenso lang gibt es Widerstand dagegen und für körperliche und sexuelle Selbstbestimmung. – Ein Kommentar von Olga Wolf

„Ob Kinder oder keine, das entscheiden wir alleine!“, so lautet eine berechtigte Forderung, die in Deutschland nun schon seit mehr als 100 Jahren laut ist. Denn für Menschen, die schwanger werden können, gibt es Momente im Leben, an denen der Staat ihnen die Selbstbestimmung über den eigenen Körper nimmt.
Am 18. Mai 1871 wurden Bestimmungen zu Schwangerschafsabbrüchen, auch Abtreibungen genannt, in das Reichsstrafgesetzbuch aufgenommen. Noch immer ist es eine Straftat, wenn Schwangere sich dafür entscheiden, eine Schwangerschaft abzubrechen. Das regelt der §218 des Strafgesetzbuchs. 

Straffrei, aber nie legal

Es gibt in Deutschland eine Fristenlösung, das heißt: Unter einigen Umständen bleibt die Straftat straffrei und ist bis zur zwölften Woche der Schwangerschaft möglich. Die Hürden dafür sind hoch, zum Beispiel sind mehrere Beratungsgespräche erforderlich. In Ballungszentren haben Schwangere häufig die Wahl, wo sie sich beraten lassen. Gerade in ländlichen Regionen sind Beratungsstellen jedoch rar gesät und beraten nicht immer im besten Interesse der Schwangeren, sondern mit einer eigenen Agenda: Häufig sind es christliche Träger, die im Auftrag arbeiten, „ungeborenes Leben“ zu schützen. 
Die Folgen der Kriminalisierung sind dramatisch. Die Zahl der Stellen, die Abbrüche anbieten, ist seit 2003 um 45 Prozent gesunken – deutschlandweit gibt es nun noch rund 1.130 Anlaufstellen. Da der Abbruch nicht im Medizinstudium gelehrt wird, müssen werdende Gynäkolog:innen sich selbst das Wissen dazu aneignen – es mangelt an fähigem Ärzt:innennachwuchs, viele Ärzt:innen bieten Abbrüche bis weit über das Rentenalter hinaus an, weil die Not so groß ist. 

„Lebenschützer:innen“ 

Zur Kriminalisierung und der schlechten Versorgungslage kommt das gesellschaftliche Stigma, mit dem Abbrüche belegt sind. Die Abtreibungsgegner:innen haben unterschiedliche Motive: Von ihrer eigenen religiösen Überzeugung bis hin zu blankem Frauenhass und rassistischen Verschwörungen über Geburtenrückgang und „Umvolkung“. Sie alle eint ein unterdrückerisches Frauenbild. 
Unter dem Vorwand von „Lebensschutz“ fordern sie die vollständige Kontrolle über Menschen, die schwanger werden könnten. Besonders ausgeprägt war diese Unterdrückung zur Zeit des Hitler-Faschismus, der dem §218 nämlich einen weiteren zur Seite stellte: Laut §219 sind sogar Informationen von Ärzt:innen zu Abbrüchen straftbar und werden ihnen als Werbung zur Last gelegt. Der Fall der Ärztin Kristina Hänel, die über verschieden Möglichkeiten des Abbruchs auf ihrer Webseite aufklärt, wurde populär. Sie wehrt sich seit Jahren gegen verhängte Strafen und kämpft dafür, Patient:innen aufklären zu dürfen, wie es auch bei jedem anderen medizinischen Eingriff gängig und wichtig ist. 

150 Jahre Widerstand

So lange die körperliche und sexuelle Selbstbestimmung derart eingeschränkt wird, so lange gibt es auch schon Widerstand dagegen. Die Kommunistin und Künstlerin Käthe Kollwitz zeichnete für die KPD im Jahre 1923 eine hungrige Mutter mit zwei Kindern und brachte damit das Leid vieler Schwangerer ihrer Generation zum Ausdruck: Sie hatten keine Möglichkeit, ihre Kinder zu versorgen, waren aber gezwungen, sie zu gebären. 
Die Gründe, aus denen Schwangere sich heute entscheiden, kein Kind zu bekommen, sind vielleicht andere. Manchmal sind es auch genau dieselben Gründe. Wichtig ist vor allem eins: ganz egal welcher Grund, ganz egal wo, ganz egal wer – ein kostenfreier, sicherer und legaler Schwangerschaftsabbruch ist Grundversorgung und muss raus aus dem Strafgesetzbuch!

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