Es war eine gigantische, international koordinierte Polizeioperation: in rund 18 Ländern wurden am Montag 800 Personen festgenommen, 70 davon allein in Deutschland. Zuvor hatte das amerikanische FBI eigens eine „anonymes Handy“ samt App zur verschlüsselten Kommunikation fabriziert und dieses in die Verbrecherkreise eingeschmuggelt. Darüber plante das skrupellose Netzwerk dann Drogenhandel, Geldwäsche und Morde. Aber auch Verbindungen zwischen Polizei und organisierter Kriminalität wurden bekannt.

„Honeypot“ – so nennt man Lockangebote, die Strafverfolgungsbehörden platzieren, um Menschen auf die Spur zu kommen, die sie sonst nicht so einfach zu fassen bekommen. Spätestens seit 2018 führte das FBI in Zusammenarbeit mit mehreren Polizeiagenturen eine solche Operation mit Hilfe eines vorgeblich „anonymen“ Handys mit dem Namen „AN0M“ durch. Dabei sollte es sich nach eigenen Angaben um ein komplett sicheres Kommunikationsmittel handeln.

AN0M wurde dann über verschiedene Verbindungspersonen in die internationale organisierte Kriminalität eingeschleust. Auf ein eigenes Handy bekam man nur Zugriff, wenn man jemanden kannte, der solch eins besaß und einen Einladungscode weitergab.

Was ein Großteil der Nutzenden nicht wusste: Das Handy wurde vom amerikanischen FBI zusammen mit der australischen Bundespolizei AFP abgehört. Beim FBI läuft das Projekt unter dem Namen „Operation Trojan Shield“, in Australien unter „Operation Ironside“, in Neuseeland als „Operation Spyglass“.

In Zusammenarbeit mit Google?

Ende März dann hatte ein anonymer Blogger entdeckt, dass die App nicht sicher sei. Dies scheint jedoch zu den meisten nicht durchgedrungen zu sein.

In einem – wie es jetzt scheint – aufschlussreichen Hinweis äußerte der Blogger ernsthafte Bedenken, dass das von ihm getestete AN0M-Gerät sowohl in New South Wales, Australien als auch in Kalifornien nicht auch „tatsächlich in ständigem Kontakt mit Google-Diensten“ stehe.

„Ich war ziemlich besorgt über die Menge an IP-Adressen, die sich auf viele Unternehmen innerhalb der ‚Five Eyes‘-Regierungen beziehen (Australien, USA, Kanada, Großbritannien, Neuseeland, die Informationen miteinander teilen – Anm. der Red.),“ schrieb er.

Danach könnte die gesamte Polizeioperation in enger Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Tech-Konzern durchgeführt worden sein. Die beteiligten Organisationen lassen zudem durchaus auf ein „Five Eyes“-Projekt schließen.

Razzien international und in Deutschland

11.000 Menschen sollen AN0M verwendet haben, nun gibt es über 1.000 Verdächtige. Fast drei Jahre lang haben Ermittler:innen die Unterhaltungen abgehört und dabei 27 Millionen Nachrichten mit geschnitten. Dabei soll es neben Drogenhandel, Geldwäsche und Waffendeals auch um Mordaufträge gegangen sein.

Am Montag kam es jetzt zum großen Zugriff auf mindestens drei Kontinenten: Mehr als 700 Häuser seien in Europa, Neuseeland, Australien und den USA durchsucht worden. Dabei seien über 38 Tonnen Drogen beschlagnahmt und große Mengen an Bargeld, Juwelen und Waffen sichergestellt worden.

Allein in Deutschland hat die Polizei im Rahmen der international abgestimmten Einsätze mehr als 150 Wohnungen, Lagerhallen und Geschäftsräume durchsucht, teilten die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das Bundeskriminalamt (BKA) mit. Schwerpunkt der Einsätze war demnach das Bundesland Hessen. Insgesamt gab es dabei den Angaben zufolge mehr als 70 Festnahmen.

Bisher ist jedoch unklar, ob wirklich zentrale Führungsfiguren festgenommen wurden, oder ob nur untere Ebenen ausgehoben wurden.

Die Überprüfung der Nachrichten habe zudem laut einem zuständigen FBI-Agenten „zahlreiche öffentliche Korruptionsfälle auf hoher Ebene in mehreren Ländern“ bekannt gemacht, wie der Guardian berichtet. Die englischsprachige Zeitung enthüllte zudem, dass vertrauliche Informationen von korrupten Strafverfolgungsbehörden wie Haftbefehle und andere geheime Polizeiaktivitäten an Kriminelle weitergegeben wurden.


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