Die AfD als strategisches Projekt rechter Milliardäre – diese These wird durch neue Recherchen untermauert. Demnach habe der rechte Netzwerker Tom R. ein Geflecht von Scheinfirmen und Medienorganen aufgebaut, über die er AfD-Politiker finanziell unterstützte und aufbaute, darunter Gründungsmitglieder oder Spitzenkandidatin Alice Weidel. Laut Recherchen erhielt auch der NPD-Chef über ihn 150.000 Euro. Dahinter steht mindestens ein Milliardär – und es gibt Indizien, wer es sein könnte.

„Hinter dem Faschismus steht das Kapital – der Kampf um Befreiung ist international!“. Diese Parole kann man auf fast jeder antifaschistischen Demonstration in Deutschland hören. Nun wird diese Aussage erneut durch die Realität unterstrichen. Das zeigt eine dreijährige Recherche von ZEIT, NDR und WDR. Das investigative Team hat mit hunderten Menschen in und um die Parteien AfD, CDU, FDP und NPD gesprochen, interne Mails und Chatverläufe ausgewertet sowie Kontoverbindungen überprüft.

Im Zentrum steht der rechte Netzwerker Tom R., der sich selbst laut eines ihm zugeschriebenen Zitats an der Schnittstelle von „braunen Horden, motorradfahrenden Jungs und ehemaligen Militärs“ sieht. Der muskulöse Mann ist ehemaliges CDU- und FDP-Mitglied und bezeichnete sich gegenüber einem Geschäftspartner als „Söldner“. Aber für wen?

Fünf Politiker und Geschäftsleute, mit denen die Reporter über Tom R. gesprochen haben, erzählten unabhängig voneinander und zum Teil ungefragt, R. habe ihnen gegenüber behauptet, er bekomme Geld von dem Milliardär August von Finck junior.

Multi-Millardär Finck finanzierte die „Alternative für Deutschland“

Was R. mit diesem Geld anstellen soll? Seit über einem Jahrzehnt scheint er sich im Auftrag des Milliardärs um den Aufbau einer Partei rechts der CDU, eine deutsche „Haider-Partei“ zu bemühen. Das zumindest behauptet ein Unternehmer laut den Recherchen. Von Finck Junior gilt als Bewunderer des verstorbenen faschistischen Politikers Jörg Haider, der in Österreich die FPÖ groß machte.

Seit AfD-Gründung mit dabei

Nachdem ein Versuch, eine solche Partei in Deutschland unter dem Titel „Aufbruch 21“ aufzubauen, scheiterte, sah Tom R. ein besonderes Potenzial in der AfD. Dazu soll er gleich zwei Mitgründer der Partei gefördert haben.

Zum Beispiel Dettleff S., einen Mitgründer der AfD. Er ist ein vorbestrafter Betrüger, der während seiner Haft ein faschistisches Manifest verfasste. 2013 baute er mehrere Landesverbände der Alternative für Deutschland mit auf.

Ein weiterer AfD-Gründer, Michael H., ist ein ehemaliger Polizist aus Sachsen-Anhalt. Er war einer jener 18 Männer, die sich im Februar 2013 im hessischen Oberursel versammelten, um die AfD zu starten..

Beide stützte R. laut den Recherchen mittels eines komplizierten Firmengeflechts, viele davon als Verlag getarnt – Verlage, die kleine Online-Zeitungen herausgeben wie z.B. die „Hessen-Depesche“, „Sachsen-Depesche“ oder den „Meraner Morgen“. Diese berichten offen oftmals im Sinne der AfD. Durch das Firmengeflecht kann er Geld schleusen, das er dann Menschen zukommen lässt, die er beeinflussen will: sie müssen dann z.B. nicht nebenbei arbeiten und können sich voll und ganz auf den Aufbau der rechten Partei konzentrieren.

So taucht Schilde als Geschäftsführer und Inhaber zweier Briefkastenfirmen auf, Heendorf ist zeitweise als Geschäftsführer zweier Verlage aufgeführt.

AfD-Bundestagsfraktion als „Mutanten-Armee“

Stück für Stück baut Tom R. seinen Einfluss aus, meist verbunden mit viel Geld. Er lädt damals regelmäßig Politiker:innen zu teuren Abendessen und exklusiven Reisen ein, immer wieder steigt er mit ihnen in Luxushotels ab. Allein in ein Fünf-Sterne-Hotel am Fuß der Alpen reist R. von 2010 bis 2018 insgesamt 38 Mal. Einmal begleitet ihn auch AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel, die unter falschem Namen eincheckte.

Zwei Jahre lang, bis mindestens Ende 2018, habe Weidel „fast täglich“ mit R. in Kontakt gestanden, sagt Friedel Opitz, ein Unternehmensberater, der Weidel damals unterstützte. Weidel erklärte, von Frühsommer 2017 bis Herbst 2019 in „unregelmäßigen Abständen“ mit ihm Kontakt gehabt zu haben. Mehr als die Hälfte ihrer Bundestagsfraktion stehe mit ihm in Verbindung oder habe in der Vergangenheit mit ihm zu tun gehabt, sagt sie.

Die von R. geförderte Corinna Miazga, die Chefin des bayerischen Landesverbands, habe  die AfD-Bundestagsfraktion wohl einmal sogar als Rohrböcks „Mutanten-Armee“ bezeichnet. Miazga äußerte sich dazu öffentlich nicht.

Auch Verbindungen zum Geheimdienst scheinen hier eine Rolle zu spielen. Ein ehemaliger Mitarbeiter von Miazga, Denis D., taucht ebenfalls in den Handelsregisterauszügen auf, die R. zugerechnet werden können. Bis heute ist er Geschäftsführer einer Firma, die ein ehemaliger Geheimdienstchef aus Österreich gegründet hat, ein Geschäftspartner von Tom R.

„Augustus Intelligence“: wenn Geheimdienste, Adel, Wirtschaft, Politik und Faschisierung verschmelzen

„Jeder Vierte bis Dritte“ in der Bundestagsfraktion habe Kontakt zu R. gehabt, sagt ein Abgeordneter der AfD, der anonym bleiben möchte. Ein Insider, der laut dem Recherche-Team die Partei aus nächster Nähe kennt, bezeichnet R. als „Strippenzieher“ und „Königsmacher“. Ein weiterer Abgeordneter nennt ihn „das Gespenst der AfD“. Eine Anfrage zur Stellungnahme ließ R. unbeantwortet.

Doch nicht nur bei der AfD spielt R. eine Rolle. Auch der aktuelle NPD-Chef Frank Franz taucht als Geschäftsführer einer Firma auf, an die bis 2015 mindestens 150.000 Euro geflossen sein sollen – aus Tom R. Firmengeflecht. Gegen ihn wird derzeit wegen Geldwäsche ermittelt.

Hinter dem Faschismus steht …?

Das meiste Geld, das durch das Firmengeflecht fließt, kommt von der „Batwolf AG“ in Liechtenstein. Sie scheint auf R. zugeschnitten zu sein, denn sie heißt wie sein Markenzeichen, die schwarze Sonnenbrille, „Batwolf“.

Als Gründerin und Aktionärin der Batwolf AG ist eine aus Rumänien stammende Steuerberaterin – eingetragen. In München betreibt sie auch ein Büro. Sie hat der AfD schon mehrmals Geld gespendet.

Sie sorgte laut der Recherche dafür, dass die Geldflüsse der Batwolf AG „professionell verschleiert“ wurden: Dafür setzte sie als Treuhänder eine Kanzlei in Liechtenstein ein. Es ist genau jene, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren schon einmal illegale Parteienfinanzierung organisierte. Damals ging es um die CDU-Spendenaffäre, bei der Ultrareiche mehrere Millionen an die Konservativen spendeten. – Wird nun der gleiche Trick angewendet?

Nicht nur von Finck ist hier als reicher Hintermann im Gespräch. Auch mit seiner angeblichen Nähe zum österreichischen Red Bull-Gründer und Milliardär Dietrich Mateschitz soll sich Rohrböck gebrüstet haben. Der Hauptsitz von Red Bull liegt nur eine halbe Stunde von der Villa am Mattsee entfernt, in der Rohrböck wohnt. Der Red Bull-Chef weist eine Bekanntschaft zurück. Als weiterer Milliardär ist der Immobilen-Hai Conle in Rede, der mutmaßlich Geld direkt an Alice Weidel gespendet haben soll.


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