Rund 40 Prozent der weltweit produzierten Lebensmittel erreichen nie einen Teller. Laut einem Bericht der Organisation World Wide Fund for Nature (WWF) beläuft sich der Umfang verschwendeter Lebensmittel auf 2,5 Milliarden Tonnen. Währenddessen stehen 155 Millionen Menschen kurz vor dem Hungertod.

Am Mittwoch veröffentlichten die Organisationen WWF und Tesco den „Driven to Waste“- Bericht, wonach schätzungsweise 2,5 Milliarden Tonnen Lebensmittel weltweit jedes Jahr vernichtet werden. Das ist eine Zunahme von ungefähr 1,2 Milliarden Tonnen gegenüber der schon lange bekannten Menge von 1,3 Milliarden Tonnen, die jedes Jahr verschwendet werden. Diese neuen Schätzungen zeigen, dass etwa 40 Prozent aller angebauten Lebensmittel nicht gegessen werden, was noch einmal mehr ist als die zuvor veröffentlichte Zahl von 33 Prozent.

Driven to Waste ist die erste Quantifizierung der gesamten Lebensmittelverluste in landwirtschaftlichen Betrieben seit 2011. In Kombination mit aktualisierten Daten zu Verlusten in Lieferketten und Abfällen im Einzelhandel und beim Verbrauch haben wir so ein klareres Bild vom Ausmaß der Lebensmittelverluste und -verschwendung vom Bauernhof bis zur Gabel.

Relative kapitalistische Überproduktion

Man spricht in diesem Fall von einer „relativen kapitalistischen Überproduktion“. Eine kapitalistische Überproduktion deshalb, weil viel mehr Lebensmittel produziert werden, als gekauft werden können. Grund der Überproduktion ist die kapitalistische Anarchie, in der jeder Lebensmittelkonzern für sich alleine produziert, um andere Unternehmen im Konkurrenzkampf auszustechen. Übrig bleiben die nicht verkauften Lebensmittel derjenigen, die im Stechen und Hauen des Marktes unterliegen. Diese Lebensmittel werden aber vernichtet und nicht verschenkt.

Die Überproduktion ist jedoch relativ, wenn man sie ins Verhältnis zu den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen setzt. Dann zeigt sich, wie wenig die Verteilung von Lebensmitteln im aktuellen Wirtschaftssystem funktioniert. Laut der Welthungerhilfe hungern weltweit 690 Millionen Menschen. 2020 litten davon allein 155 Millionen Menschen unter lebensbedrohlichem Hunger – rund 20 Millionen Menschen mehr als noch im Vorjahr. Dieser Hunger könnte mit einer effizienten Verteilung der Lebensmittel wahrscheinlich mit einem Schlag behoben werden.

Weltwirtschaftskrise: jeder zehnte Mensch hungert – 155 Millionen Menschen stehen sogar vor dem Hungertod

Dieses Ausmaß an Nahrungsmittelverschwendung ist nicht nur absurd, wenn man sich die Folgen der relativen Überproduktion anschaut. Sie hat auch verheerende Auswirkungen auf die Umwelt.

Die Produktion von Nahrungsmitteln benötigt eine riesige Menge an Land, Wasser und Energie, sodass verschwendete Nahrungsmittel den Klimawandel erheblich beeinflussen – frühere Schätzungen deuten darauf hin, dass Lebensmittelverschwendung 8% der Treibhausgase ausmacht. Die neuen Daten von Driven to Waste zeigen, dass die Zahlen noch deutlicher ausfallen und auf einen Beitrag von etwa 10 % aller Treibhausgasemissionen hinweisen. Dies entspricht fast dem Doppelten der jährlichen Emissionen aller in den USA und Europa gefahrenen Autos.

Bei der Untersuchung der Faktoren, die zum Lebensmittelverlust beitragen, widerlegt Driven to Waste vor allem eine lange gehegte Überzeugung, dass Lebensmittelverluste in landwirtschaftlichen Betrieben nur in weniger wohlhabenden Regionen mit niedrigerem Industrialisierungsgrad ein Thema seien.

Der Bericht zeigt, dass die Pro-Kopf-Verluste im landwirtschaftlichen Stadium in industrialisierten Regionen im Allgemeinen höher sind. Trotz einer höheren Mechanisierung in den landwirtschaftlichen Betrieben und nur 37 % der Weltbevölkerung tragen die Länder mit hohem und mittlerem Einkommen in Europa, Nordamerika und dem industrialisierten Asien zu 58 % der weltweiten Ernteabfälle bei.


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