Die Stadt Leipzig ist von Braunkohle umgeben. Mittlerweile sind eine Vielzahl der ehemaligen Tagebauten geflutet. Die Stadt und Unternehmer:innen profitieren mächtig von den neu geschaffenen Naherholungsgebieten. Heute wird im Stadtrat darüber beschlossen, ob 137 der bestehenden Bungalows abgerissen werden sollen, um neue Ferienhäuser und Parkplätze zu bauen. Doch das wollen die Rentner:innen und Arbeiter:innen in den gewachsenen Bungalow-Siedlungen nicht unbeantwortet lassen.

Seit der Einverleibung der DDR durch die BRD versucht die Stadt Leipzig, die ehemaligen Tagebauten umzunutzen. Viele von ihnen wurden geflutet und zu Naherholungsgebieten umgebaut. Zum einen bieten die neu entstandenen Seeen –  z.B. der Cospudener See, die Schladitzer Bucht oder der Markkleeberger See – eine attraktive Abwechslung für die Leipziger Bevölkerung. Zum anderen versuchen die Stadt Leipzig und die angrenzenden Gemeinden, auch Kapital aus den neuen Naherholungsgebieten zu ziehen und geben die Verwaltung in fremde Hände: die „LeipzigSeen GmbH“ schuf so am Cospudener See einen Hafen mit Pier, Golfplatz und Ferienhäusern; in Zwenkau entsteht gerade ein teures Nobel-Viertel, in das Prominente wie beispielsweise Fußballnationalspieler Per Mertesacker einziehen. Insgesamt zehn Seeen verwaltet die GmbH. Einzig und allein der Kulkwitzer See, der schon 1963 geflutet und 1974 zum Naherholungsgebiet erklärt wurde, ist bisher ohne Prunk.

Kulkwitzer See soll nun zum Spekulationsobjekt werden

Rund um den Kulkwitzer See sind zu dieser Zeit Bungalows bzw. „Datschen“ entstanden. Datschen sind etwas größere Schrebergärten und unterliegen nicht den manchmal weitreichenden Auflagen eines Schrebergartenvereins. Direkt neben den Datschen befinden sich ein Strandabschnitt, die Gaststätte „Klinke“ und eine Tauchschule. Verwaltet wurde dieses Gebiet von dem „Zweckverband Erholungsgebiet Kulkwitzer See“, in dem sich teilweise auch Politiker:innen und Unternehmer:innen versammelten. So besteht der Zweckverband unter anderem aus der Stadt Markrankstädt, der Stadt Leipzig und der LeipzigSeen GmbH. Er hat sich aber nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Weiterentwicklung des Seengebiets zur Aufgabe gesetzt. Nach 30 Jahren, geprägt von Unstimmigkeiten, wurde nun bekannt, dass der gemeinsame Vertrag bis 2022 auslaufen und somit das gesamte Areal dem freien Markt überlassen werden soll.

Was sich anfangs nach einem langweiligen Verwaltungsakt anhört, hat System. Im Zweckverband selbst handelten Akteur:innen, die gar keine Einigung erzielen wollten. Keine:r dieser Akteur:innen hatte jemals einen Bungalow gepachtet. Im Gegenteil: So übernahm 2020 Peter Wasem von den Grünen und Leiter des Amts für Umweltschutz in Leipzig den Vorstand vom Zweckverband. Ziel war es, in das Areal zu investieren und somit das Gelände umzumodellieren. Am 9. Juli 2021 gab dann der Zweckverband, vertreten durch Herrn Christian Conrad als Geschäftsführer der „LeipzigSeen GmbH“, bekannt, dass sämtliche Datschen bis Ende 2022 „besenrein“ übergeben sein sollen.

Unternehmer Christian Conrad und der Zweckverband

Dabei war der Zweckverband mehrere Jahre untätig. Wie sich herausstellt, ging es auch hier nur darum, so viele Gelder wie möglich abzuschöpfen. So übergab der Vorbesitzer der Grundstücke Christian Conrad und dem Zweckverband die Hauptpacht des Areals, blieb aber stets der Vertreter und somit dem Zweckverband nahe.

Ein von langer Hand geplanter Bebauungsplan von 2017 seitens der Stadt Leipzig liegt schon vor und erläutert, dass mit der Bebauung eine „Wertveränderung […] in Form von Wertsteigerung zu erwarten“ sei. Das sei nach Auffassung der Stadt auch nötig, denn die Pflege- und Unterhaltungskosten des Sees nähmen zu. So verlor der  See immer mehr an Attraktivität gegenüber dem südlichen Cospudener See, der ebenfalls durch die Christian Conrad verwaltet wird. Deshalb bat der Zweckverband im Jahr 2000 um eine Überarbeitung des Konzepts zum Kulkwitzer See. Im Jahr 2003 schaltete sich dann die private LeipzigSeen GmbH ein und übernahm die Verwaltung. In einem ersten Akt wurden die Gebäude auf den Datschen an Privatpersonen verpachtet und generierten somit die ersten Einnahmen. Später kam der nächste strategische Zug seitens Christian Conrads: alle einzelnen Pachtverträge wurden in Mietverträge umgewandelt. Juristisch konnten die Menschen dagegen nicht vorgehen.

Außerdem legt der Bebauungsplan nahe, dass die LeipzigSeen GmbH als bevollmächtigter Verhandlungspartner durch den Zweckverband mit der Stadt Leipzig verhandeln durfte. Hier trat die LeipzigSeen GmbH allerdings unter dem Namen „ LeipzigSeen Projektmanagement GmbH“ auf – warum? Auch schiebt die Stadt Leipzig sämtliche ungelösten Fragen zu den Datschen dem Zweckverband zu, der bekanntlich aufgelöst werden soll. Gleichzeitig wird bekannt, dass Christian Conrad seinen neuen Hauptsitz nun an den Kulkwitzer See verlagern will …

Renter:innen und Arbeiter:innen wehren sich

Doch die langjährigen Bewohner:innen wollen sich wehren und ihre Datschen erhalten. In mehr als 30 Jahren haben sie dafür gesorgt, dass das See-Gelände heute ein begrüntes Naherholungsgebiet ist. Frei von Spekulationen. Sie ergreifen nun Initiative und legen Unterschriftenlisten aus, um sich Gehör zu verschaffen. Schon im Jahr 2009 sammelten die Menschen auf der anderen Seite des Kulkwitzer Sees – konkret in Markranstädt – knapp 10.000 Unterschriften. Der damalige gemeinsame Nenner „Pro Kulki kontra Bebauungswahn“ brachte schon in diesen Tagen Christian Conrad in Erklärungsnot.

Auch in der heutigen Sitzung im Stadtrat Leipzig wird sich die Verwaltung die ersten unangenehmen Fragen gefallen lassen müssen. Denn im Fall eines Abrisses ist klar: Viele der Rentner:innen würden ihren wohlverdienten Ruhepol verlieren und in die Vereinsamung gedrängt werden. Zugleich müssten dann wohl auch die dort schon längst beheimateten Arbeiter:innen wieder den Spekulant:innen weichen.


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