Anfang 2020 wurde ein 53-jähriger Franzose in der Münchener S-Bahn kontrolliert. Obwohl er ein gültiges Ticket hat, geht die Polizei gewaltsam gegen ihn vor und drückt ihn zu Boden. In einem Video, das erst jetzt veröffentlicht wurde, ist zu sehen, wie ein Polizist über Minuten auf seinem Hals kniet – und wie der Betroffene um Hilfe fleht.

Am Montag hat der Focus ein schockierendes Video veröffentlicht: Es zeigt einen brutalen Polizeieinsatz gegen einen vollkommen unschuldigen Mann. Dieser war zuvor offenbar in eine Fahrkartenkontrolle geraten. Die Kontrolleure wollten jedoch sein Monatsticket wegen einer handschriftlichen Notiz nicht akzeptieren, obgleich es gültig war. Stattdessen riefen sie die Polizei. An der Münchener S-Bahnhof-Station „Isartor“ kam es dann gegen 19:10 zum Polizeiübergriff.

Zuerst spricht die Polizei ihn an, dass er sich ausweisen müsse. Der Mann wird laut und ruft auf französisch, dass dies eine große Provokation sei. Ein Polizist erklärt, dass eine „Ordnungswidrigkeit“ oder sogar „Straftat“ im Raum stehe – welche, das ist ist nicht bekannt. Kurz danach erklärt ein Polizist, dass er nun seine Bodycam anschalte – obgleich diese offenbar schon die ganze Zeit lief.

Der Mann reagiert nicht auf die Ansprache der Polizei und legt stattdessen den Kopf auf seine verschränkten Arme und diese auf seine Knie. Zu keinem Zeitpunkt gibt es eine aggressive Bewegung in Richtung der Polizei.  Doch anstatt zu deeskalieren, kündigt diese „körperlichen Zwang“ an.

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„Aide-Moi“

Der Mann wird aus seiner passiven Position zu Boden gebracht und schreit dabei laut. Man hört immer wieder, wie er „aide-moi“ – „hilf mir“ auf französisch – ruft. Ein Polizist meint nur „komm runter“ und „bleiben Sie locker“, während ihm Handschellen angelegt werden. Später ruft der Mann mehrfach hintereinander „Hilfe“, der Polizist entgegnet nur „Ruhe jetzt!“. Umstehende Fahrgäste schauen zwar zu, aber keiner greift ein. Anschließend zeigt das Bodycam-Video, wie die Tasche auf der Suche nach einem Ausweis vollkommen auseinander genommen wird.

Über den gesamten Zeitraum kniet ein Polizist auf dem Kopf des Mannes, eine Szene, die an den gewalttätigen Übergriff gegen den US-Amerikaner George Floyd erinnert. Dieser starb, nachdem über 9 Minuten ein US-Polizist auf seinem Hals gekniet hatte.

In diesem Fall sind keine Schäden bei dem Opfer bekannt. Gegenüber Focus spricht der Mann jedoch von „rücksichtslosen, unwürdigen und lebensbedrohenden Handlungen der Polizei“.

Nicht gegen die Polizisten, sondern gegen den Franzosen findet nun Ende August ein Verfahren vor dem Amtsgericht statt. Die Staatsanwaltschaft spricht von vorsätzlicher Körperverletzung, tätlichem Angriff auf Vollstreckungsbeamte, Sachbeschädigung und Beleidigung. Gegen die Polizei wird hingegen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht ermittelt.


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