Bis Mai 2021 sind die Preise für Lebensmittel in Deutschland um 2,9 Prozent angestiegen. Branchenbeobachter:innen warnen jetzt vor weiteren Preiserhöhungen bei Konsumgütern. Grund hierfür seien weltweite Engpässe im Lieferverkehr und explodierende Rohstoffpreise. Hierbei spielen auch Streikkämpfe eine Rolle.

„Wir haben große Schwierigkeiten, Frachtkapazitäten für unsere Bestellungen auf den Schiffen zu bekommen“, fasst Patrick Zahn die Lage zusammen. Zahn ist Chef des Textildiscounters Kik und spricht über die Folgen der weltweiten Engpässe im Lieferverkehr für sein Unternehmen: „In der wichtigsten Zeit des Jahres fehlt uns die Ware.“ Da infolge der Engpässe auch die Frachtraten gestiegen seien, will Zahn die höheren Preise an die Verbraucher:innen weiterreichen: „Preiserhöhungen im Handel werden da nicht zu vermeiden sein.“

Die Lage in der Lebensmittelbranche und bei Drogeriemärkten ist ähnlich wie imTextilhandel. Genau wie Patrick Zahn sieht auch der Chef der Drogeriekette Rossmann „auf jeden Fall“ Preiserhöhungen auf seine Kund:innen zukommen: „Es wird immer schwieriger, die Waren aus Asien pünktlich in die Läden zu bekommen.“ Robert Kecskes vom Marktforschungsinstitut GfK rechnet im zweiten Halbjahr 2021 mit „deutlichen Preiserhöhungen“. Und Bert Rürup vom Handelsblatt– Research Institute kann sich vorstellen, dass die Inflationsrate in Deutschland vorübergehend auf über 4 Prozent steigt.

Explodierende Rohstoffpreise

Tatsache ist, dass die Kosten für Rohstoffe und Vorprodukte sowie für den Transport in den letzten Monaten teilweise drastisch gestiegen sind. Der Preisindex für landwirtschaftliche Erzeugnisse, der von der Welternährungsorganisation FAO berechnet wird, ist seit Juni 2020 um 34 Prozent nach oben geschnellt. Bei Pflanzenölen lag der Anstieg gegenüber Juni 2020 sogar zwischenzeitlich bei über 100 Prozent. Auch die Preise für Fleisch, Getreide und Zucker sind gegenüber den Vorjahren gestiegen. Beim Transport liegen sie zum Teil um ein Vielfaches höher als 2020: Allein Anfang Juli haben die durchschnittlichen Preise des Sektors innerhalb einer einzigen Woche um knapp 16 Prozent angezogen.

China: Hafensperrung beeinträchtigt weltweite Lieferketten

Stau in China, Bummelstreik am Hamburger Hafen

Die Engpässe bei den weltweiten Lieferketten dürften das Ergebnis eines bunten Zusammenspiels aus angezogener Nachfrage nach dem Kriseneinbruch 2020 (vor allem in den USA), Corona-Lockdowns, Arbeiter:innenkämpfen in verschiedenen Ländern sowie schlechtem Wetter sein. Aktuell ist die Lage des Transportsektors so dramatisch, dass es für Unternehmen kaum noch möglich ist, an Container zu kommen. Über den gesamten Globus verteilt wächst die Zahl der Häfen mit schweren Störungen in den Betriebsabläufen. Schon vor Wochen wurde über den Mega-Stau am Hafen im chinesischen Yantian berichtet, der Ende Mai wegen eines Corona-Ausbruchs nahezu komplett schließen musste. Von Yantian aus werden 90 Prozent aller chinesischen Elektronik-Exporte verschifft.

Im US-amerikanischen Seattle sind die Containerstellplätze momentan zu 120 Prozent belegt, sodass Schiffe bis zu zehn Tage bis zur Abfertigung warten müssen. Die Situation in anderen US-Häfen wie Los Angeles, Oakland und New York sieht nicht besser aus, was wiederum zu Störungen auch in Rotterdam und am Hamburger Hafen führt. Hier sei die Lage zudem durch einen „Bummelstreik“ der Arbeiter:innen am Eurogate-Container Terminal verschärft worden. Gestreikt haben zudem die Arbeiter:innen in den kolumbianischen Häfen von Cartagena und Buenaventura. In Sri Lanka hat ein Unwetter den Hafenbetrieb in Colombo zwischenzeitlich beeinträchtigt.

Engpässe auch bei LKW-Transporten

Die Störungen auf See beeinträchtigen schließlich auch die Lieferwege an Land. Wegen fehlender Container bestellen zurzeit immer mehr Spediteure offene LKW, was wiederum in diesem Bereich zu Engpässen führt. Nach Angaben des Logistikdienstleisters Transporeon lagen die freien LKW-Kapazitäten zwischen April und Mai um knapp 60 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres und damit auf einem langjährigen Tiefstand. LKW-Transporte haben sich in diesem Zeitraum um 8,4 Prozent verteuert.