Am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul ist es zu einem schweren Anschlag mit über 100 Toten gekommen. Ein Großteil der Todesopfer sind afghanische Zivilisten, zudem starben 13 US-Soldaten bei dem Angriff. Durchgeführt wurde der Anschlag von einem Ableger des „Islamischen Staats“. Für die westlichen Besatzungsmächte ist es ein „Desaster im Desaster“, für die Afghan:innen wird ein Bürgerkrieg wahrscheinlicher.

Am Donnerstag Nachmittag afghanischer Zeit ist es zu einer schweren Anschlagsserie rund um den Kabuler Flughafen gekommen. Es kam zu zwei kurzen Selbstmordanschlägen hintereinander, bei denen mindestens 103 Personen getötet wurden, darunter auch 13 US-Soldaten.

Auch wenn der Anschlag nun besondere internationale Aufmerksamkeit erfährt, handelt es sich dabei um den traurigen Alltag in der afghanischen Hauptstadt im letzten Jahrzehnt. So wurden erst Anfang Mai bei einem Anschlag mit einer Autobombe im Westen Kabuls über 90 Menschen getötet. Doch der gestrige Anschlag hat sowohl fliehende afghanische Zivilbevölkerung als auch US-Soldaten getötet und trifft damit ins Mark des bereits katastrophal verlaufenden Abzugs westlicher Besatzungstruppen.

Bundeswehr bricht Luftbrücke ab und flieht

In den letzten Tagen hatten sich laut amerikanischen Geheimdiensten bereits Hinweise auf Anschlagsvorbereitungen verdichtet. Daraufhin entschied die Bundeswehr, ihre Luftbrücke am Donnerstag Abend abzubrechen. Mit Militärmaschinen waren bisher deutsche Staatsbürger sowie afghanische Kollaborateure („Ortskräfte“) ausgeflogen werden.

Nach letzten Angaben der Bundesregierung befanden sich zuletzt noch 200 Deutsche in Afghanistan, zugleich dürften es ungleich mehr Afghan:innen sein, die mit der deutschen Besatzungsmacht zusammengearbeitet hatten. Während die Bundeswehr nun vor weiteren Angriffen flieht, müssen diese in Afghanistan verharren.

Der nächste Schritt: Bundeswehr raus aus Mali, dem Mittelmeer, Syrien, Irak, dem Libanon & Kosovo!

„Islamic State Khorasan“ (IS-K) bekennt sich

Zu den Anschlägen soll sich die Gruppe „Islamischer Staat Chorasan“ bekannt haben. Dabei handelt es sich um einen Ableger des „Islamischen Staats im Iraq und der Levante“, der jedoch offizielle Beziehungen abstreitet. Bei Chorasan handelt es sich um eine historische Region in Zentralasien im Gebiet der heutigen Staaten Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan.

Die Gruppe wurde 2015 in der Region der afghanisch-pakistanischen Grenze gegründet, als sich laut einem Bericht der UN Teile der Taliban-Bewegung dem IS anschlossen, der eine Kerngruppe nach Afghanistan entsandt hatte.

ISIS-K-Gründer Emir Hafiz Saeed Khan wurde am 26. Juli 2016 bei einem US-Luftangriff in der Provinz Nangarhar, Afghanistan, getötet. Auch weitere Nachfolger wurden durch amerikanische Luftschläge getötet: Abdul Hasib im April 2017; Abu Sayed am 11. Juli 2017; zuletzt war der Anführer Abu Saad Orakzai im April 2020 festgenommen worden. Die Tötung oder Inhaftierung ihrer Anführer reichte jedoch offenbar nicht dazu aus, die Gruppe zu zerschlagen. Diese rekrutiert sich sowohl aus kleinen Dörfern als auch aus Universitäten. Sie konkurriert mit den Taliban um den Einfluss in Afghanistan.

Desaster im Desaster

Die Anschläge sind ein Höhepunkt des Desasters rund um den Abzug westlicher Besatzungsmächte aus Afghanistan. Noch Mitte August hatte der US-Präsident Joe Biden trotzig erklärt: „Wir sind vor fast 20 Jahren mit klaren Zielen nach Afghanistan gereist: Diejenigen, die uns am 11. September 2001 angegriffen haben, und sicherstellen, dass al-Qaida Afghanistan nicht als Basis benutzen kann, um uns erneut anzugreifen. Das haben wir gemacht. Wir haben Al-Qaida in Afghanistan erniedrigt.“

Nun hat IS-K, eine Organisation, die ihre Ursprünge bei al-Qaida hat, erneut einen Anschlag mit vielen amerikanischen Todesopfern verübt und damit sowohl Bidens Erzählung zerstört, als auch die Gefahr eines fortgesetzten blutigen Bürgerkriegs in Afghanistan neu entfacht.

So ist davon auszugehen, dass in der nächsten Zeit ein Machtkampf zwischen den Taliban, IS-K und ihm nahestehenden Kräften, zwischen sich neu formierenden Teilen der ehemaligen afghanischen Armee und möglichen weiteren Kräften stattfinden wird.

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