Ein großer Teil der Lieferdienst-Kuriere hat schlechte Arbeitsbedingungen, keinen Tarifvertrag und einen geringen Stundenlohn. Nun haben die Beschäftigten des Marktführers „Lieferando“ einen eigenen Forderungskatalog entworfen. – Warum Lieferandos Reaktion darauf scheinheilig ist, kommentiert Tabea Karlo.

In den letzten Monaten ist es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Lieferdienstkurieren und ihren Chefs gekommen, auch bei Lieferando. Nun haben die Beschäftigten des Essenslieferdienstes ihre Forderungen ausformuliert.

Am Freitag stellten die Mitglieder der Tarifkommission der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) einen Forderungskatalog auf. Zentrale Forderungen sind ein Stundenlohn von mindestens 15 Euro, die Zahlung eines 13. Monatsgehalts, Zuschläge für Schichten am Abend sowie an Sonn- und Feiertagen, sechs Wochen Urlaubsanspruch und die volle Bezahlung der letzten Fahrt zurück an den Wohnort.

»Die Rider sind bei Wind und Wetter unterwegs – sie erwarten völlig zu Recht, dass ihre gefährliche Arbeit fair bezahlt wird«, so der NGG-Referatsleiter für das Gastgewerbe, Christoph Schink. Das Unternehmen sei der »milliardenschwere Marktführer« in der Lieferdienstbranche. »Es ist Zeit, dass die Arbeitsbedingungen deutschlandweit einheitlich und fair geregelt werden.« Der aktuelle Stundenlohn liege bei Lieferando zwischen zehn und elf Euro pro Stunde.

Lieferando ist Teil des niederländischen Konzern „Just Eat Takeaway“. In Deutschland ist er de facto ein Monopolist, er schluckte in den letzten zwei Jahren unter anderem „Foodora“, „pizza.de“ und „Lieferheld“, nachdem ihm diese durch den Mutterkonzern „Delivery Hero“ verkauft worden waren.

„Lieferando“ überwacht Beschäftigte und speichert Daten jahrelang

Gegenüber dem Spiegel versucht der Konzern seine Unternehmenspolitik damit zu verteidigen, dass „Lieferando-Fahrer:innen mit durchschnittlich mehr als 13 Euro pro Stunde in einer regulären, direkten und unbefristeten Anstellung in der Regel mehr verdienen als in anderen Servicebereichen, etwa der Gastronomie oder als ausgebildeter Einzelhandelsmitarbeiter“. Sie hätten einen üblichen Urlaubsanspruch, erhielten Überstunden bezahlt und auch ihre Fahrt nach Schichtende zum Fahrradlager vergütet.

Damit versucht der Konzern vergeblich die Kritiken der Arbeiter:innen abzuschwächen. Denn der Vergleich mit anderen unbefristeten Anstellungen ist unangebracht.

Erstens hat Lieferando – als Reaktion auf zahlreiche erfolgreiche Entfristungsklagen – vor kurzem angekündigt, alle neu angestellten Fahrerinnen und Fahrer unbefristet einzustellen und auch die bestehenden Verträge der rund 10.000 angestellten Lieferant:innen zu entfristen; dieses Argument ist somit ungültig.

Zweitens ist der schlechte, nicht an die Inflationsrate angepasste Stundenlohn anderer Unternehmen wohl kaum ein gutes Argument dafür, seine eigenen Arbeiter:innen genauso unzureichend zu bezahlen.

Und drittens ist es ein mehr schlechter als rechter Versuch, verschiedene Arbeiter:innen gegeneinander auszuspielen mit dem Argument, dass die Fahrer:innen ja nicht ausgebildet seien und es deshalb nicht verdienten, genauso vergütet zu werden wie ihre ausgebildeten Kolleg:Innen. Dabei ist es ein Taschenspielertrick von Konzernen die Frage aufzumachen, wer mehr verdienen sollte. Damit lässt sich nämlich die Frage umgehen, ob nicht einfach alle zu wenig verdienen.

Bei der Wortwahl „üblicher Urlaubsanspruch“ könnte man dem/der Sprecher:in unterstellen, sich absichtlich vage auszudrücken, denn was genau „üblich“ ist, ist unklar. Klar ist der gesetzliche Mindestanspruch von 24 Tagen bei einer 6-Tage-Woche und 20 Tagen bei einer 5-Tage-Woche. Das scheint aber angesichts der körperlichen Belastung, der Lieferando-Fahrer:innen durch ihren Job ausgesetzt sind, viel zu wenig.

Ob Überstunden wirklich bezahlt werden, bleibt ebenfalls offen: auch wenn der Konzern das im Gespräch mit dem Spiegel behauptet, so sprechen Berichte und Interviews von ehemaligen Arbeiter:innen des Konzerns eine andere Sprache.

„Die Überstunden müssen eigentlich im Dienstplan vermerkt werden, oft fehlen sie aber.“ Innerhalb von drei Monaten seien ihm so 500 Euro verloren gegangen. Eine Ausnahme sei das nicht, berichtete Herr Müller, Ex-Angestellter von Lieferando, letztes Jahr in einem Interview mit der Hamburger Morgenpost.

Als letzter Teil des Arguments bleibt dann noch die Vergütung der Fahrt nach Schichtende zurück zum Fahrradlager. Damit wird sehr offensichtlich versucht, die Konfrontation mit der Forderung nach einer Bezahlung der letzten Fahrt zum Wohnort zu umgehen. Das sind nämlich einfach zwei unterschiedliche Forderungen.

Erstens benutzen nicht immer alle Fahrer:innen direkt ein Rad, das von Lieferando gestellt wird. Ihnen entgeht dann diese Zahlung. Zweitens kann es sein, dass die Fahrradlager weit entfernt vom eigenen Wohnort liegen, in diesem Fall ist es dann besonders wichtig, dass nicht nur die Fahrt dorthin, sondern auch die nach Hause bezahlt wird.

Alles in allem ist die Reaktion des Milliarden-Konzerns auf die Kritiken mau. Vor allem bereitet man vor, nicht auf die Forderungen der Fahrer:innen eingehen zu müssen, sondern sie mit halbgaren Argumenten abzutun.

Umso wichtiger ist es jetzt, dass wir die Fahrer:innen und ihre legitimen Forderungen unterstützen, statt uns gegen sie ausspielen zu lassen. Zum Beispiel, indem wir uns im Falle eines Streiks solidarisch zeigen, statt zu meckern, wenn wir uns unsere Pizza dieses Mal doch wieder selber holen müssen.

 


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